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Unbedeutendes Fragment Nr. 4 (1. Entwurf)

Einzelne Strahlen der immer seltener sichtbaren Nachmittagssonne stachen durch das ewige Grau der nebelhaften Dunstglocke und tauchten Teile der betonierten Außenwelt in helles, unnatürlich wirkendes Licht. Die ungewohnte Helligkeit wurde von den verspiegelten Fassaden, metallenen Werbetafeln und zahllosen Videokleidern der Passanten reflektiert und verwandelte die Szenerie vor dem verglasten Café in ein strahlendes, für seine von der Dunkelheit verwöhnten Augen schmerzhaftes Zwielicht. Die Sekundenbruchteile, die die Sensoren seiner Brille benötigten um den Helligkeitsanstieg zu registrieren und eine stärkere Tönung zu veranlassen, reichten aus um ihm Tränen in die Augen zu treiben und bunte Schlieren auf seiner Netzhaut tanzen zu lassen.

Verärgert durch den unerwarteten Angriff der großen Lebensspenderin schloss er die Augen und kämpfte seinen wiedererwachenden Selbsthass in die Abgründe seines Unterbewusstseins zurück, in das er seit gefühlten Ewigkeiten sämtliche Emotionen zu verdrängen pflegte. Erst nachdem der stechende Schmerz hinter seinen Lidern versiegt war, öffnete er seine Augen erneut und schüttelte mit zitternden Händen eine seiner Zigaretten aus der formfesten Leichtmetallverpackung. Die verstörende Unruhe, die seinen ganzen Körper wie eine eisige Klaue umschloss offenbarte sich in erschreckender Weise in der mangelnden Kontrolle über seine eigene Hand, mit der er zweimal vergeblich versuchte die ersehnte Zigarette zu seinen zuckenden Lippen zu führen. Erst als er an dem vertrauten Kunststofffilter zog, sich die Zigarette mit einem leisen Knistern entzündete und der aromatische Rauch tief in seine bereits vor lauter Vorfreude jubelnde Lunge drang, begann seine Anspannung langsam nachzulassen.

Amphetamin, Fentanyl, Venlafaxin und zahllose andere, teilweise namenlosen chemischen Beigaben setzten zusammen mit dem Nikotin ihre Wirkung in seinem Körper frei, manipulierten sein zentrales Nervensystem, beruhigten seinen unregelmäßigen Herzschlag, entspannten seine verkrampften Glieder und ließen ein leichtes Gefühl der Zufriedenheit gegen die Wellen von Zweifeln antreten, die sein Denken dominierten. Der ebenso symbolische wie aussichtslose Kampf gegen Windmühlen, Nichts und Niemand war fähig das grenzenlose Chaos in seinem Kopf auch nur ansatzweise zu schlichten. Er war sich jedoch auch unsicher wie sich sein Zustand ohne den regelmäßigen Konsum der rezeptfrei erhältlichen Zigaretten verändern würde und zumindest unterdrückte die Wirkung das bereits chronische Zittern seiner knochig gewordenen Glieder.

'Es ist Alles nur in Deinem Kopf', wiederholte er in Gedanken die Worte seines Therapeuten, 'Kontrolliere Dein Denken und Du kontrollierst Deine Gefühle, Dein Leben und Dein Glück'. Unwillkürlich zeichnete sich ein sarkastisches Lächeln auf seinem, durch die Medikamente in eine regungslose Maske verwandeltem Gesicht ab. Natürlich, dachte er, sich glücklich denken hatte schon immer ausgezeichnet funktioniert. Bei den seelenlosen Menschen die genug Ausdauer und Naivität besaßen um sich so lange selbst zu belügen, bis ihre Lügen für sie tatsächlich wahr geworden waren. Bis sie in ihrer selbst erschaffenen Illusion glücklich wurden.

Er hasste sie. Für die regenbogenfarbenen Brillengläser, die sie trugen und die ihre Sicht der Welt von sämtlichen lästigen Störfaktoren befreit hatte. Für die grenzenlose Ignoranz, die ihnen erlaubte die unübersehbare Wahrheit vollkommen zu ignorieren. Für ihr Glück, das sie mit ihrem dümmlichen und offenherzigen Lächeln in die Welt hinaus zu schreien schienen. Er hasste sie von ganzem Herzen.

Langsam ließ er seinen Blick durch die Glasfassade und über die ohne erkennbares Muster durcheinander treibenden Menschen gleiten. Durch die Fülle der Käufer, die sich zu dieser Zeit des Tages durch die Einkaufstrasse drängten und ihr durchweg extrovertiertes und individuelles Auftreten, dass sie auf unbeschreibliche Weise fast uniform wirken ließ, erinnerte ihn der Anblick an das immer wiederkehrende Spiel von Wellen in Küstennähe, wie er sie aus alten Fernsehsendungen kannte. Unruhig, unvorhersehbar und zutiefst verstörend. Für einen kurzen Augenblick verspürte er einen Anflug von Mitleid für die zahllosen Passanten, die in für sie wahrscheinlich ungemein wichtigen Angelegenheiten und Besorgungen vertieft waren. Jeder von ihnen war zweifelsfrei das Zentrum seiner eigenen Welt. Welten mit spärlichen Verbindungen zu den Welten Anderer, die insgeheim Niemand von ihnen jemals als wahrhaft Existent akzeptieren würde. Keiner von Ihnen ahnte die Nichtigkeit, Bedeutungslosigkeit und Unnötigkeit ihres eigenen Lebens. Die mangelnde Zeit die ihre hedonistische Lebenseinstellungen ihnen ließ, die Wahrheiten die ihnen sämtliche Medien diktierten und das Glück dass sie sich ständig selbst einredeten verhinderte jedweden Blick hinter den Schleier ihrer Illusionen. Und dafür beneidete er diese Statisten fast ebenso wie er sie verachtete, sie hasste.

Noch ein letztes Mal dachte er an ihre wunderschönen, strahlenden Augen. Ihr engelsgleiches, glänzendes Haar. Ihr liebevolles Lächeln. So wie es gewesen war. So wie er sich daran erinnern wollte. Dann stand er auf, griff nach dem schweren, mit Isotopensprengstoff gefüllten Metallkoffer und begab sich langsamen Schrittes durch den Ausgang in das Gedränge der jetzt wieder von der ewigen Dunstglocke verdunkelten Einkaufsstrasse hinaus.


current mood

17.12.08 04:44
 
Letzte Einträge: 80s (02.10.2010), 80s (06.11.2010), 80s Party - Samstag, 05.02.2011



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