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Fragment MF(AT) - Kapitel 2, Abschnitt 3 (1. Entwurf)

Die aufgehende Sonne wurde von den verspiegelten Fassaden der Konzernverwaltungen, Anwaltskanzleien, Finanzriesen und Maklerbüros dutzendfach reflektiert und tauchte den gesamten Straßenzug in gleißendes, fast engelsgleiches Licht. Die angestrahlten Wolkenkratzer schien ein goldenes Leuchten zu umgeben, das sie auf gewisse Weise unantastbar oder gar unfehlbar wirken ließen. Eine schimmernde, göttliche Reinheit und eine tugendhafte, über alle Zweifel erhabene Unschuld.

Ashton verstärkte per Sprachbefehl den Tönungsgrad der Front- und Seitenscheiben des dunkelgrauen Sportwagens, der von außen sehr viel unscheinbarer wirkte, als er es tatsächlich war. Ein offensichtlich leistungsstarkes und sicher auch alles Andere als preiswertes Fahrzeug der neusten Generation, dem man jedoch weder seine verstärkte Außenpanzerung noch seine überlegene technische Ausstattung ansah und das zweifellos weder hier im Finanzdistrikt noch in den noblen Wohngegenden die sein Ziel waren sonderlich auffallen würde.

Zunehmend füllten sich die vor einer Stunde noch fast menschenleeren Strassen mit Männern in feinen Anzügen und Frauen in teuren Kostümen die zu Fuß die breiten Plastbetongehwege entlang schritten, in Sportwagen die sechsspurige Strasse entlang fuhren oder sich in Limousinen auf der Selbigen chauffieren ließen. Das sittsame, vornehme und teilweise übertrieben arrogante Auftreten der Konzernangestellten schien Ashton wie ein geschöntes Zerrbild der Wirklichkeit, wusste er doch dass ihre internen Rivalitäten oftmals eher an das Verhalten von Raubtieren oder Aasfressern erinnerten. Genau wie die noch immer golden strahlenden Fassaden ihrer Käfige, hinter denen verborgen vor den Blicken der Welt Zwistigkeiten und Abgründe lagen, die Außenstehende Niemals erwarten würden.

Er spürte ein leichtes Vibrieren am Bügel seiner verspiegelten Sonnenbrille und das darin integrierte, Richtschallsystem flüsterte den Namen des Anrufers mit sanfter Stimme in sein Ohr. Mit einem kurzen Tippen seines Zeigefingers am mit braunem Kunstleder eingeschlagenen Lenkrad des Sportwagens akzeptierte er den Anruf und fast augenblicklich erschien ein bewegtes Bild am Rande seines Sichtfeldes. Die winzigen optischen Laser der Brille projizierten das wie gewohnt lächelnde und mit einer stets ruhelosen Mimik versehene Gesicht Gordons direkt auf seine Netzhaut. Seine helle, immer leicht schwankende Stimme erklang so deutlich in seinem Ohr, als würde er neben ihm im Wagen sitzen.

'Ash, willkommen in Amerika. Wann warst Du das letzte Mal hier?' Alleine während dieser zwei kurzen Sätze hatte sein Gesicht mehrfach gezuckt und seine Augen hatten scheinbar in jede Richtung, nur nicht in die Kamera gesehen. Niemand der Gordons Situation und die dafür verantwortlichen Gründe nicht kannte, würde mit ihm zu Recht kommen, geschweige denn arbeiten wollen. Für Ashton jedoch war er im Laufe der Jahre unverzichtbar geworden. Mehr als das, ein Freund. Und über wen konnte man das in diesen seltsamen Zeiten schon noch sagen.

'Vor 5 Jahren.' Es missfiel ihm Gordon anzulügen, den wahrscheinlich einzigen Menschen dem er bereit war fast bedingungslos zu vertrauen. Aber er wusste zu gut, dass er nicht der Einzige war, der diese Unterhaltung hören würde und den eine andere Antwort vielleicht zum Nachdenken bringen würde. 'Und ich kann nicht sagen, dass ich es sonderlich vermisst habe. Wie geht es unserem Angler? Fischt er noch immer in seichten Gewässern?'. Der Angler oder auch die Zielperson. Fast ein halbes Jahr hatte man benötigt um ihn zu identifizieren und letztlich ausfindig zu machen. Und seit über einen Monat hatte er das erste Mal das nahezu unantastbare Heim seines Hochsicherheitsbüros verlassen, was Ashton eine strapazenreiche Reise von mehr als 10.000 Kilometer in weniger als 3 Stunden beschert hatte.

'Bisher keine Veränderung. Habe die Analyse beinahe abgeschlossen, wenn Du hier bist werden wir bereit sein und wissen, was es zu wissen gibt.' Wieder zuckten seine Mimik und sein Kopf unkontrolliert und ließ seine halblangen, teilweise braunen und teilweise weiß blondierten Haarsträhnen wild um sein braungebranntes Gesicht schlackern. Er schenke Ashton ein schiefes Lächeln das sämtliche seiner strahlend weißen Zähne offenbarte und riss seine hellblauen, stets abwesend wirkenden Augen auf, bevor er das Gespräch abrupt beendete. Gordon mochte den meisten Menschen wie ein Irrer oder ein Charge-Junkie erscheinen, oder noch schlimmer, wie ein irrer Charge-Junkie, doch Ashton wusste dass Niemand sonst in der Lage gewesen wäre, in so kurzer Zeit die nötigen Informationen zu erlangen und die kurzfristige Planung und Absicherung eines derartigen Einsatzes überhaupt zu ermöglichen.

Der Sportwagen ließ die zahllosen und architektonisch vielseitigen Wolkenkratzer der hohen Geschäftswelt hinter sich zurück und tauchte in die deutlich befahreneren, und aufgrund der fehlenden Spiegelfronten und der Höhe der dicht aneinander erbauten Wohnblocks sehr viel dunkleren Strassen der Neubaugebiete ein. Es schien wie das überschreiten einer Grenze, die von der Schönheit der goldenen Lichter in die Finsternis der Eintönigkeit führte. Das Eindringen in einen düsteren Wald aus gleichförmigen Bäumen, nur dass sich Ashton hier deutlich wohler fühlte als zwischen den strahlenden Palästen der Konzernverwaltungen. Er deaktivierte die Tönung der Scheibe und betrachtete im deutlich zäheren Morgenverkehr die ihm zunehmend entfremdete Welt der normalen Menschen. Zu Hunderten strömten sie aus den glatten und grauen Plastbetonbauten oder fuhren mit ihren Wagen aus den die ganze Strasse entlang identischen Ausfahrten der Tiefgaragen. Und sie selbst waren es, die die Eintönigkeit ihrer Wohngegend Lügen straften.

Während das Aussehen, die Frisuren, die Kleidung und selbst die Schuhe der Konzernangestellten in ihrem goldenen Stadtviertel unzähligen, schwierigen und dennoch klaren Regeln unterlagen, was letztlich dazu führte dass die unzähligen Modelle der Anzüge und Kostüme im Grunde beinahe gleich aussahen, gedieh unter der normalen Arbeiterschaft die farbenfrohe Vielfalt in schier unendlich vielen Arten. Kleider und Schnitte in jeder erdenklichen Form, vom geschlossenen bis zum offenherzigen, vom einfarbigen bis schmerzhaft bunten, vom Eleganten zum Brachialen. Auch wenn im weitesten Sinne beinahe jeder dieser Menschen ein Konzernangestellter war, interessierte es im Grunde kaum mehr Jemanden, wie der gemeine Angestellte seine Frisur gestaltete, welchen Kleidungsstil er bevorzugte oder welche kulturellen Vorlieben oder Zugehörigkeiten zu Subkulturen er nach draußen zu signalisieren versuchte. Und die farbenfrohe Vielfalt setzte sich ebenso in den genutzten Fahrzeugen dieser Menschen fort, die sich nicht an das uniforme Schwarz der Firmenlimousinen oder das klischeehafte Rot und Gelb für ihre Sportwagen zu halten pflegten.

Das gesamte Neubaugebiet am Rande von Phoenix, im Tal der Sonne wie die Menschen es nannten, wurde erst vor wenigen Jahren und im Eilvorgang in die Höhe gezogen. Die Stadt hatte in den letzten Jahrzehnten aufgrund der verstärkten Niederlassung der Elektronikindustrie und dem Bau mehrerer ausgedehnter Fusionskraftwerke einen so immensen Bevölkerungszuwachs erhalten, dass sie sich auf ein Vielfaches ihrer ursprünglichen Größe ausgedehnt und mehr und mehr der in Arizona liegenden Teile der Sonara-Wüste mit Industriekomplexen und Fabriken gepflastert hatte. Nach dem wirtschaftlichen Niedergang vieler anderer, ehemals bedeutender Städte der Vereinigten Staaten galt Phoenix als eine der bedeutendsten und modernsten Konzernstandorte auf dem Kontinent. Die Stadt wuchs so rasch, dass der vorhandene Wohnraum in möglichst kurzer Zeit aus dem Boden gestampft werden musste, was die Einfallslosigkeit in der Architektur und die Eintönigkeit erklärte, die sich jedoch bereits wieder aufzulösen begann.

Auf Drängen der Konzerne hatten die Stadtverwaltung und der Bundesstaat alles in ihrer Macht Mögliche getan um die Verbrechensrate ihrer aufstrebenden Stadt zu mindern, Gangwesen und organisiertes Verbrechen zu verhindern und ein leuchtendes Beispiel in ihrer langsam in Korruption, Willkür und Gewalt zu versinken drohenden Nation zu werden. Und selbstverständlich waren sie, wie im Grunde immer, gescheitert. In einem Land, das sich auf seine freiheitlichen Grundwerte verlässt, das Persönlichkeitsrechte und Entscheidungsfreiheit hochhält und am grundlegenden Recht eines jeden mündigen Bürgers eine Waffe zu besitzen festhält, war ein solcher Versuch von Anfang an müßig gewesen.

Überall zierten Graffiti die freien Flächen zwischen den riesigen Videoleinwänden, die ohne Unterlass zu jeder Tag- und Nachtzeit aller Arten von Werbespots zum Besten gaben und Gruppen von Menschen die ihre offensichtliche Zusammengehörigkeit durch ihre gemeinsamen Farben oder Frisuren zur Geltung brachten sammelten sich an Straßenecken oder vor Hauseingängen. Immer wieder hörte man ferne und teilweise auch nahe Sirenen oder sah tief über die Häuserschluchten fliegenden Polizeihubschrauber. Und diese Neubausiedlung war sicher keine der schlechteren Stadtteile der Megacity. Auch in Phoenix gab es bereits Gegenden, die von der Polizei üblicherweise gemieden wurden, wie im Grunde in eigentlich jeder größeren Stadt in den Staaten.

Er verließ den nächsten Kreisverkehr in Richtung Süden und fuhr in eines der riesigen, erst vor weniger als zwanzig Jahren neu errichteten Stadtzentren ein. Für Jeden, der seinen Bedarf an allen Arten von legalen Gütern nicht grundsätzlich Online und durch anschließende, meist umgehende Zulieferung deckte, boten diese schier endlosen Einkaufsmeilen Alles was ihr Herz begehrte. Zahllose Studien aus dem Anfang des Jahrhunderts hatten einen starken Rückgang und schließlich eine beinahe völlige Stagnation des außerhalb des Netzes stattfindenden Einzel- und auch Großhandels vorhergesagt. Warum sollten Menschen ihre überaus wertvolle Freizeit mit dem Besuch von Geschäften, den damit verbundenen Wegzeiten, eventuellem Gedränge oder gar mangelnder Auswahl verschwenden, wenn schlichtweg Alles schnell und problemlos online bestellt werden konnte und jeder gewünschte Artikel binnen weniger Stunden den Weg zum Kunden findet? Diese durchaus vernünftig klingenden Zukunftsprognosen hatten zu einem großen Umdenken, zu Umstrukturierungen und zu neuen Denkansätzen im Bereich des Handels geführt und hatten sich als einer der fatalsten Fehler des ganzen Wirtschaftszweiges entpuppt, den viele der führenden Vorreiter der Umgestaltung mit dem Ende ihrer Karriere bezahlt hatten.

Die Menschen wollten Einkaufen gehen, wollten durch ihre riesenhaften Konsumtempel stolzieren, sich von den allgegenwärtigen Videotafeln ködern lassen und spontan Dinge kaufen, die keiner von ihnen wirklich benötigte. Gerade in einer Zeit, in der mehr und mehr Existenzen sich in ihren Onlineaktivitäten verloren und die Trennung zwischen Realität und virtuellen Spielwelten für viele geistesschwachen Existenzen zunehmend verwischte, wurde gerade das Einkaufen zu einem der Rettungsanker des gesellschaftlichen Lebens. Und Stadtzentren wie diese, mit ihren gigantischen Kaufhäusern, den riesigen Shoppingkomplexen, der schier grenzenlosen Auswahl an Restaurants, Clubs; Spielhallen und VR-Tempeln sowie dem allgegenwärtig, wenn auch örtlich schwer zu fassenden Schwarzmarkt, waren für Viele der Mittelpunkt ihrer Welt geworden. Gerade nach der endgültigen Aufhebung der altmodischen Vorstellungen, zu welchen Tag- oder Nachtzeiten ein Mensch zu schlafen, zu arbeiten oder zu leben hat, pulsierte das Leben an diesen Orten rund um die Uhr und sie wurden zu einem Anziehungspunkt für fast jede erdenkliche Bevölkerungsgruppe der Stadt. Sie waren in gewisser Weise wie erholsame und fruchtbare Täler in dem unüberwindlichen Alltagsgebirge der Stadt. Umgeben von den Wolkenkratzern, Wohntürmen und hoch aufragenden Industrieanlagen der umliegenden Stadtteilen erreichte hier die Sonne fast den ganzen Tag die Strassen, die eher flach gehaltenen Gebäudekomplexe, die offenen Plätze und die zumindest teilweise gepflegten Parks. Das wahre Tal der Sonne in einer Stadt der Gebäudeschatten, ein Ort wo man das Gefühl hatte trotz der zunehmend schlechten Luftqualität noch tief durchatmen zu können.

Er hatte die über und über mit Videowänden gepflasterten, sich wie Adern durch dieses pulsierende Herz des Stadtmolochs ziehenden Strassen die ihn zum Zielviertel bringen würden bereits zu Dreiviertel durchquert, als ein erneutes Flüstern in seinem Ohr ihn über den Abschluss von Gordons Analysen und seiner Vorbereitungen informierte. Er ließ den Bordcomputer des Wagens eine Liste der auf seinem Weg liegenden Schnellrestaurants anzeigen, wählte eines der Klischeebehaftetsten und augenblicklich hob das GPS-System eine Route auf der transparent auf der Seite der Windschutzscheibe eingeblendeten Straßenkarte hervor. Zusätzlich informierten ihn Anzeigen und Pfeile über Entfernungen und die zu wählenden Strassen und Ausfahrten, einer der unzähligen, Ashtons Meinung nach völlig unnötigen technischen Spielereien des Wagens, die beinahe jeder Benutzer am Tage nach dem Kauf eines Wagens deaktivieren würde. Er machte sich jedoch nicht die Mühe, es stand fast vollkommen außer Frage, dass dieser sündhaft teure Sportwagen keinen weiteren Tag erleben würde. Noch vor seiner Ankunft beim Imbiss schickte er seine Wunschbestellung voraus, eine XXL-Portion Chilikäsefritten, eine mittelgroße, dreimal geschärfte Hähnchentasche und einen extragroßen, fünffach gesüßten Karamellkaffee mit 7 Espressoeinheiten. Als er weniger als eine Minute später an einem der fast ein Dutzend Abholschalter des dreistöckigen, vollkommen mit Videowänden eingefassten Restaurantgebäude hielt, war sein Essen bereits verpackt und wurde ihm in einer der typischen, mit dem weltweit bekannten Logo bedruckten Thermoverpackungen zusammen mit dem wieder verschließbaren Kunststoffzylinder mit dem Kaffee übereicht.

Im Schritttempo entfernte er sich von dem Gebäude, auf dessen Außenseite in rascher Folge sämtliche der angebotenen Speisen, in gigantischen, meterhohen Proportionen dargestellt, beworben wurden und hielt auf dem geräumigen Parkplatz des Restaurants. Das Essen im Wagen, ob während der Fahrt oder auf den eigens dafür erweiterten Parkplätzen war seit zahllosen Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil der Kultur, wenn nicht gar zu einem Ausdruck ihrer Lebensart geworden. Und in der Regel aßen tatsächlich mehr Menschen in ihren Wagen auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants als in seinem Inneren selbst. Ein Zeichen für die Rastlosigkeit der Menschen dieser Zeit, oder vielleicht auch einfach nur für ihre hedonistische Paranoia, in ihrer ach so spärlichen Zeit etwas Wichtiges verpassen zu können. Was in der Regel aber ohnehin nicht geschah.

Er warf die silberne Verpackung samt dem Essen ungeöffnet in den kleinen, automatisch öffnenden Müllschacht unter seinem Sitz, Nichts in der Welt würde ihn dazu bringen einen solchen, nicht auf die Bedürfnisse seines Körpers zugeschnittenen Dreck zu verspeisen. Augenblicklich zeugte ein leiser, vibrierender Ton aus den Eingeweiden des Wagens von der stattfindenden Komprimierung seines Abfalls, er nippte dreimal zögerlich an dem eisgekühlten Karamellkaffee, bevor er ihn wie er es erwartet hatte dem Weg des bestellten Essens folgen ließ. Er hatte ohnehin weder Hunger noch Zeit die er mit Essen verschwenden konnte, stattdessen zog er eine Zigarette aus seiner Hemdtasche und zog daran, worauf sie sich mit einem zischenden Laut entzündete. Über eine Berührung seines Daumens an der dafür vorgesehenen Stelle des in Leder eingeschlagenen Lenkrades aktivierte er die Videosteuerung der Fenster. Er ließ eine Aufnahme von sich selbst auf der Windschutzscheibe erscheinen und erst als er sein aktuelles Ebenbild erblickte spürte er dass sein Zustand, vor Allem im Vergleich zu sonst, nicht gerade dem von ihm Gewünschten entsprach.

Seine dunkelblonden Haare, die er sich während der Reise auf eine stattliche Länge von fast 4 Zentimeter hatte wachsen lassen waren einfach nur ungewohnt, sein Gesicht jedoch wirkte ein wenig abgekämpft, wenn nicht gar müde und seine sonst harten und unnachgiebigen, stahlblauen Augen wirkten unkonzentriert und matt. Jetlag. Wenn man es tatsächlich so nennen konnte. Nachdem Gordons Benachrichtigung ihn nach nur wenigen Stunden, und dass nach einer mehr als ereignisreichen und anstrengenden Woche aus dem Schlaf gerissen hatte, war es Mittag gewesen, jetzt war es früher Morgen. Er hatte in weniger als drei Stunden 8 Zeitzonen überschritten, die Uhr Stunde um Stunde zurückgedreht und seine Blicke hatte den unnatürlichen Weg der Sonne in Richtung Osten über den Himmel verfolgt. Vielleicht war der menschliche Körper auch einfach nicht dafür geschaffen sich über so weite Strecken mit dreifacher Schallgeschwindigkeit, mit mehr als einem Kilometer pro Sekunde fortzubewegen. Trotz all seines erbarmungslosen Trainings, seiner stahlharten Konditionierung und den Hunderten von leistungsfördernden und den Körper abhärtenden Mitteln die man ihm regelmäßig spritze und er jeden Tag mit seinem Essen zu sich nahm, hatte in diese Reise ausgelaugt.

Die Medizin hatte in den letzten 50 Jahren schier unglaubliche Fortschritte verzeichnet, das Wissen und Verständnis der Humanmedizin war umfassender als man es sich damals auch nur hätte träumen lassen. Moderne Behandlungen und Medikationen hatten den größten Teil der bekannten Krankheiten Nichtig werden lassen, zumindest wenn der Patient die erforderlichen Kosten tragen konnte und die genetische und technische Verbesserung des menschlichen Körpers begann seinen Siegeszug. Doch seinen Jetlag, unter dem Ashton weit mehr litt als jeder andere Mensch dem er bisher begegnet und dieses Thema erörtert hatte, schien vollkommen Behandlungsresistent zu sein.

Mit einem ärgerlichen Stöhnen ließ er das Handschuhfach und danach das darunter befindliche Geheimfach durch die Computersysteme des Wagens öffnen und entnahm den schmalen, länglichen Sicherheitskoffer. Nach einem Abgleich mit seinem Fingerabdruck und dem Flüstern des notwendigen Zugangscodes öffnete sich die flache Abdeckung des grausilbernen Koffers, anstatt durch die hochkonzentrierte Säure in der Außenhülle den Inhalt restlos zu zerstören und gab die Sicht auf die von Ashton bestellten Ausrüstungsstücke frei. Er schenkte den Waffen und Hightechspielereien zunächst keine Beachtung und griff nach der schmalen, durchsichtigen Hartplastikverpackungen mit den farbigen kleinen Pillen, den exakt für ihn dosierten Ampullen und den Einwegspritzen.

Mit kundigen Fingern löste er die gewünschte Mischung winziger Tabletten aus ihrer Verpackung und schluckte sie mit einem Schluck aus der Flasche mit dem mineralisierten Wasser herunter, die er als beinahe einziges Gepäckstück mit in die Staaten gebracht hatte. Eine harmlose Zusammenstellung, die seinen Jetlag zurückdrängen und ihm helfen sollten seine Konzentration und Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Situation zu fokussieren. Er nahm einen weiteren, erfrischen Schluck des normalerweise unverschämt teuren Designerwassers, schloss die Augen und wartete darauf dass die ersehnte, vertraut gewordene Wirkung der medizinischen Hilfsmittel zu wirken begann.

Seine Anwesenheit hier wäre im Grunde unnötig gewesen. May und David waren erfahrene Experten auf ihrem Gebiet und der eigens extern angeheuerte Söldnerservice galt als Professionell, Schlagkräftig und Vertrauenswürdig. Und unter Gordons, fast schon mentaler Wegbereitung und der Überraschung auf ihrer Seite, sollte selbst ein delikater Einsatz wie Dieser auch ohne seine Mitwirkung erfolgreich sein. Dennoch, es war sein Team, sein Einsatz und somit seine Verantwortung. Davon abgesehen, und in dieser Hinsicht war Ashton sich selbst gegenüber sehr ehrlich, war es genau das, was ihm in den letzten Wochen und Monaten mehr als alles Andere gefehlt hatte. Es war seine Leidenschaft, sein Leben und der für ihn zur Zufriedenheit notweniger Nervenkitzel. Jeder konnte Zeit seines Lebens trainieren, seine Muskeln und Reflexe durch Implantate und Steroide stärken oder sich in Simulationen auf zahllose Sonderfälle und unvorhergesehene Ereignisse vorbereiten, doch was nützte es, wenn die erworbenen Fähigkeiten Brach lagen? Wenn Jahre der Arbeit, der Vorbereitung und des endlosen, bis über die Grenzen hinausgehenden Trainings ungenutzt bleiben, all die Zeit verschwendet war?

Selbst modernste Trainingsmethoden, lebensechte Simulationen oder detailliert geplante Manöver würden dem Erlebnisgrad eines wirklichen Einsatzes Niemals auch nur Nahe kommen, oder auch nur annährend so lehrreich sein. Am Anfang des Jahrhunderts hätte man Jemanden wie ihn wahrscheinlich als Adrenalin-Junkie bezeichnet, in einer Zeit bevor Adrenalin als Basis für viele Kampfdrogen verwendet wurde und später zugunsten von deutlich wirkungsvolleren Substanzen wieder aus der militärischen Medikation verbannt wurde. Er brauchte die Gefahr, genoss sie mehr als alles Andere und ging völlig in ihr auf. Sie zeigte ihm dass er lebte.

Wie ein kurzes, den ganzen Körper durchdringendes Kribbeln spürte er wie die sehnsüchtig erwartete Wirkung der eingenommen Pharmaprodukte begann, seine ziellosen Gedanken sich bündelten und der letzte Rest von Müdigkeit und mangelnder Konzentration aus ihm herausgespült wurde. Er öffnete die Augen, nutzte die in das Lenkrad integrierte Computersteuerung und in Sekundenbruchteilen ergoss sich eine Flut von Fenstern voller Listen, Bildern und Datenpaketen auf die gesamte Fläche der Windschutzscheibe. Er kannte Gordons Art der Datenaufbereitung und Sortierung, innerhalb weniger Sekunden ordnete er die wie immer umfassenden Informationspakete nach seinen Wünschen an, öffnete die ersten Satellitenbilder, Einsatzanalysen und Lifeaufnahmen des Einsatzgebietes.

Auch wenn Gordon, May und David bereits seit über eine Woche vor Ort waren, hatten sie darauf verzichtet ein eigenes Überwachungssystem aufzubauen, die Gefahr einer frühzeitigen Entdeckung ihrer Aktivitäten und der dadurch fast vorbestimmte Fehlschlag waren zu groß und die Bedeutung des Ziels zu immens gewesen um ein solches Risiko einzugehen. Daher hatte man auf, gerade in dieser Gegend in großer Menge vorhandener Sicherheitssysteme und Überwachungseinheiten zurückgegriffen um ein für Gordon typisches, engmaschiges und lückenloses Raster über das Einsatzgebiet zu legen. Oberfläche Aufklärung erhielten sie durch Satellitenbilder in Echtzeit und den Live-Aufnahmen von mehreren Hundert Sicherheitskameras, die allerorts an den Strassen, Wohnhäusern, Autos und den ständig anwesenden, mobilen Überwachungsdrohnen der Polizei und der privaten Sicherheitsdienste ihren vorgeschriebenen Dienst taten. Aus den Datenbanken des Bauamtes, verschiedenster Sicherheits- und Baufirmen und letztlich der Stadtverwaltung hatte Gordon umfassende Daten über die in der Gegend vorhandenen Alarmsysteme und Gebäudeverteidigungen erhalten und die Auswertung der gesammelten Bilder der letzten Wochen hatten zu einer schier endlosen Liste von Personendaten und Risikoeinschätzungen geführt.

Menschen waren ein offenes Buch, wie man so schön sagte und dies bereits seit mehr weit mehr als einem halben Jahrhundert. Was vor langer Zeit mit der Speicherung und Auswertung von Netz- und Nutzerdaten begonnen hatte, damals unter dem harmlosen Deckmantel Käuferverhalten zu erforschen und personifizierte Werbung zu revolutionieren, hatte schnell Einzug in die reale Welt gehalten. Durch die immense Fülle gesammelter Bilddaten, sei es durch die längst zum Leben gehörenden, allgegenwärtigen Überwachungssysteme, die immer beliebteren Kontaktbörsen und Onlinecommunitys oder den verstärkten Drang der Menschen zur Selbstdarstellung gab es schon bald Niemanden mehr in der westlichen Welt zu dem nicht, freiwillig oder unfreiwillig, reihenweise hochauflösende Bilder im Netz zu finden waren. Und es war nur eine Frage der Zeit und der logische Schritt der Unternehmen gewesen, diese Begebenheiten des modernen Lebens profitabel machen zu wollen. Und IN, das Information Network war mit Abstand das Erfolgreichste von ihnen.

Moderne Netzhautscanner konnten selbst auf große Entfernungen und ohne bemerkt zu werden zielgerichtet die bei jedem Menschen individuelle Maserung des Auges erfassen und immer raffinierte Mustererkennungssoftware glich diese Bilder innerhalb von Sekundenbruchteilen mit den gigantischen und ständig wachsenden Datenbergen in den Rechenzentren des Konzerns ab. Und die bereitgestellten Informationen gingen weit über die pure Aufdeckung der Identität des Überprüften hinweg. Es gab gigantische Mengen personenbezogener Daten, für Jeden einsehbar der bereit war die bescheidenen Nutzungsgebühren zu entrichten.

Das Information Network war eine noch recht neue Schöpfung, die erst seit wenigen Jahren in dieser Form existierte und der mit Abstand größte Feind jeden Datenschützers war. Beinahe jede Regierung der Welt hatte bereits gegen das Netzwerk geklagt, versucht es abschalten zu lassen und es geächtet, doch es war weiterhin Online und würde es fraglos auch bleiben. Jeder Mensch konnte als freier Mitarbeiter, und noch dazu Anonym, Einträge in das Netzwerk stellen, die nach einer oberflächlichen Überprüfung frei geschaltet wurden und jeder Abruf einer Information brachte dem Urheber einen kleinen Teil der Nutzungsgebühren als Tantiemen ein.

Umfangreiche Lebensläufe, erlittene Schicksalsschläge, Familienverhältnisse, Schul- und Arbeitszeugnisse, medizinische Daten und Gesundheitsprognosen, Klagen und polizeiliche Führungszeugnisse, Liebschaften und sexuelle Neigungen, Gerüchte und üble Nachreden. Eine gigantische Flut von privaten Daten, die immer öfter auch von zukünftigen Arbeitnehmern, Vermietern, potentiellem Lebenspartnern oder auch nur neugierigen Nachbarn abgerufen wurden.

Die Vision des gläsernen Menschen war längst Wirklichkeit geworden und hatte zu einer enormen Verbreitung von undurchsichtigen Sonnenbrillen und kosmetischen Augeneingriffen geführt. Nach mehreren gesetzlichen Regelungen konnten Einträge von Betroffenen als falsch deklariert werden, und sollte er entsprechende Beweise vorbringen können, konnte er sie sogar vollständig löschen lassen. Ein solcher Beweis und das folgende Prüfungsverfahren dauerte jedoch in der Regel sehr viel länger als die Freischaltung eines Beitrages, was dem digitalen Rufmord Tür und Tor geöffnet hatte. Und das IN war nur der, zwar nicht unbedingt legale, aber offiziell bekannte und akzeptierte Teil der in den Netzen der Welt gespeicherten Informationen. Tatsächlich war es sogar so, dass selbst Menschen die unter Paranoia und Verfolgungswahn litten oftmals keine Vorstellung hatten, wie viele Informationen tatsächlich über sie gespeichert waren.

Mit Hilfe dieser Netzwerke hatte Gordon jede Person, die sich in den letzten Wochen im Zielgebiet aufgehalten hatte genau unter die Lupe genommen und so eventuelle Verbindungen zur Zielperson, zu seinem Konzern oder zu jedwedem Sicherheits- oder Söldnerdienst ermittelt. Auf diese Weise hatte er nicht nur umfangreiche Daten über die Leibwächter des Ziel, ihre Ausbildung und ihre potentielle Ausrüstung gesammelt, sondern auch fast zwei Dutzend weiterer, potentiell gefährlicher und mit dem Schutz des Ziels beauftragte Personen ermittelt, die in naheliegenden Gebäuden wohnten oder die Gegend regelmäßig frequentierten.

Ashton interpretierte die wichtigsten Daten, um Alles eingehend zu studieren würde ihm ohnehin die Zeit fehlen und verglich seine eigene Vorstellung mit dem umfassenden Vorgehensmodell, das Gordon bereits erstellt hatte. Unwillkürlich musste er lächeln. Für Jemanden, der seit Jahren nicht mehr an vorderster Front gestanden oder auch nur eine Waffe in Händen gehalten hatte, dem man nach einem kurzen, persönlichen Treffen eher als geistig eingeschränkt bezeichnen würde, zeugte seine taktische Analyse wieder einmal von den Jahren als um ihn herum der Asphalt zu brennen pflegte.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm, der Arbeitgeber der Zielperson hatte weder Kosten noch Mühen gescheut. Weitreichende Überwachung, ausgebildete Spezialisten, modernste Ausrüstung und massive Feuerkraft. Hightech-Hausverteidigungssysteme, gepanzerte und schwer bewaffnete Wagen und zweifellos mobile Verstärkungskräfte in der Luft, die in kürzester Zeit einschreiten würden. Hinzu kam die im Vergleich eher vernachlässigbare Bedrohung der verstärkten Polizeipräsenz und der Tätigkeit zweier privater Sicherheitsdienste in der noblen und vor jeglichen unerwünschten Besuchern behüteten Wohngegend. Das Anwesen glich einer Festung, mit einer nach außen hin freundlichen und in die Gegend passenden Fassade, selbst mit dem angeheuerten Söldnerkommando konnten sie sich bei dem Versuch einzudringen leicht die Zähne ausbeißen und das Risiko eintreffender Verstärkung oder eines nicht in kurzer Zeit zu knackenden Panikraums waren zu groß.

Die Zielperson verließ das Haus nur einmal täglich zum Besuch eines wechselnden, luxuriösen Nobelrestaurants. Zusammen mit seiner neuen, mehr als zwanzig Jahren jüngeren Frau, seinen zwei Kindern aus erster Ehe und dem gesamten Aufgebot an Bodyguards und Sicherheitsspezialisten. Zusätzlich rückten meist einige der von Gordon als verdeckte Sicherheitsleute enttarnten Personen mit ihren Fahrzeugen in die Umgebung des Restaurants vor und sicherten so die Zugangswege potentiell unerwünschter Gäste. Es gefiel Ashton nicht die Familie der Zielperson vor Ort zu wissen, doch stellten diese Versuche ein alltägliches Familienleben zu führen, ihre einzige realistische Chance für einen Zugriff dar. Dieser Mann war für seinen Konzern immens wichtig, ein beschränkter Handlungsbevollmächtigter und Geheimnisträger, es glich einem Wunder, dass man ihm überhaupt gestattete einer Art Familienleben nachzugehen, selbst unter diesen behüteten Zuständen.

Ashton ertappte sich wie er einen kurzen Augenblick fast mitleidig über die Kinder der Zielperson nachsann. Der Handlungsbevollmächtigte hatte sich diese Art zu leben mehr oder minder ausgesucht. Die Möglichkeit und die damit verbundene Macht ergriffen, wohl wissend wie sich diese Entscheidung auf sein Leben auswirken würde. Seine neue Frau hatte es offensichtlich in Kauf genommen, ein Leben in Reichtum und Luxus an der Seite eines Mannes mit großem Einfluss mochte die sich daraus ergebenen Einschränkungen in ihren Augen wert gewesen sein. Den Kindern jedoch wurde ein Leben aufgezwungen, über dessen Wert und Inhalt man streiten konnte. Es gab keinen Zweifel daran, dass diese Kinder in ihrem Leben Alles erhalten würden, was immer sie sich nur wünschten. Aber ob es den Preis, den sie dafür zu zahlen hatten, tatsächlich wert war?

Er verdrängte die ablenkenden Gedanken aus seinem Kopf und konzentrierte sich erneut auf die mit zahllosen Markierungen und Zeichen versehene Straßenkarte, auf die aufgezeichneten Videos der letzten, abendlichen Restaurantbesuche des Ziels, auf die dabei praktizierten Aufstellungen der Wagenkolonnen und Verteilung der Sicherheitskräfte. Kurz darauf stand sein Plan fest, insofern man Etwas als Plan bezeichnen konnte, das größtenteils aus Improvisation bestehen würde.

Er vergrößerte das aktuellste Foto der Zielperson, lehnte sich in seinen formfest gepolsterten Sitz zurück und schob sich eine weitere Zigarette zwischen die Lippen. Mit einem leichten Zug entzündete sie sich, er sog langsam und genüsslich den Rauch in seine Lunge und ließ ihn langsam und nachdenklich aus seinem Mund heraus gleiten, ohne dabei das überdimensionale, braungebrannte Gesicht mit der gescheitelten Frisur aus den Augen zu lassen, dass die Windschutzscheibe des Wagens dominierte. 'Wir unternehmen heute Abend eine kleine Reise, Mr. Monroe.'


current mood

5.12.08 05:55
 
Letzte Einträge: 80s (02.10.2010), 80s (06.11.2010), 80s Party - Samstag, 05.02.2011



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