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Unbedeutendes Fragment Nr 1. (1. Entwurf)


Mit langsamen, zittrigen Bewegungen nahm er die letzte, leicht verknickte Zigarette aus ihrer Verpackung. Das Feuerzeug, das er scheinbar bereits seit Stunden festhielt, hatte deutliche Abdrücke auf seiner Handfläche hinterlassen und durch die mangelnde Koordination seiner Finger dauerte es schier endlose Sekunden, bis die Flamme emporschoss und mit einem knisternden Geräusch die Spitze der Zigarette entzündete. Fast gierig sog er den aromatischen Rauch in seine Lunge, ließ ihn dort für einen kurzen Moment verweilen und stieß ihn mit einem übertriebenen Ton der Befriedigung wieder hinaus.

Der Rauch glitt über die schattenhaften Umrisse des Tisches und der wachsenden Landschaft von Unrat die sich darauf stapelte. Angestrahlt von dem Licht der spärlichen Kerzen, das jetzt in leichte, flackernde Bewegung geriet, wirkte er wie ein geisterhafter Nebel der sich über die Reste einer zerstörten Zivilisation legte. Der Rauch vermischte sich mit den dünnen Schwaden des Räucherstäbchens, der Miniaturausgabe einer Rauchsäule die in der Schwärze unter der Decke entschwand. Die düsteren Töne, der sich in einer Endlosschleife seit Stunden wiederholenden Musik unterstrichen das bizarre Bild einer wechselhaften Eintönigkeit.

Das im Vergleich zur vorherrschenden Dunkelheit strahlende Licht seines Handydisplay erstrahlte und vertrieb für einen Augenblick die melancholische Schönheit die sein verwirrter Geist wahrzunehmen glaubte und zwang ihn kurz die durch die plötzliche Helligkeit geblendeten Augen zu schließen. Ein zweiter, verschwommener Blick auf das Telefon offenbarte ihm, was er im Grunde bereits hätte wissen müssen. Das gleißende Licht informierte ihn lediglich über die jetzt vollständige Ladung seines Akkus. Kein Anruf. Keine Nachricht. Wie wahrscheinlich bereits seit Tagen, die ihm vorkamen wie Wochen, nicht mehr.

Die Brücken waren niedergebrannt, äußere Einflüsse ausgesperrt und die zunehmend mangelnde Konzentration lag ausschließlich auf ihm selbst und seiner eigenen, kleinen Welt. Wie lange saß er schon hier, wie lange betäubt er seine Gedanken, Sinne und Empfindungen? Doch hatte das tatsächlich eine Bedeutung? Langsam erhob er sich und der schlagartig aufkommende Schwindel ließ ihn taumeln, seine Wahrnehmung verzerrte sich und ließ die zahllosen, sich durch das behutsam flackernde Kerzenlicht bewegenden Schatten für einen kurzen, schrecklichen Moment zu etwas Anderem, etwas Unbeschreiblichem werden.

Er atmete tief durch und versuchte die anhaltende Drehung seines Geistes und seiner Wahrnehmung, die Beide mit allen Mitteln versuchten seinen Körper in ihre Bewegung einzubinden, zu beruhigen. Diesmal dauerte es deutlich länger bis sein Blick sich wieder halbwegs klärte und die lauernden Schemen seiner Einbildung wieder aus den Randgebieten seiner Sicht entschwanden. Die aufputschende Wirkung der Drogen verblasste zunehmend und öffnete dem bereits gegen die Dämme schlagenden Rausch seines übermäßigen Alkoholkonsums Tür und Tor. Eine gnadenlose Müdigkeit erfasste ihn, zerrte an seinen steifen Gliedern und zwang ihn zu einem nicht zu unterdrückenden Gähnen.

Nicht schlafen, Alles nur nicht schlafen. Die beinahe der Schwerkraft strotzenden Türme aus Tassen und Bechern, die sich aus der bizarren Tischlandschaft erhoben, riefen ihm ins Gedächtnis dass die letzten Kaffeevorräte längst verbraucht waren. Langsamen Schrittes wankte er durch die spärlich erhellte Dunkelheit in Richtung des Badezimmers. Er ignorierte den schmerzhaften Stoß gegen den Rand des Tisches, der eine Flut nutzloser Dinge auf den Boden auslöste ebenso wie den Teller der unter seinem rechten Fuß in ein halbes Dutzend großer Keramikscherben zerbrach. Der süßliche, durch Tabakrauch geschwängerte Duft des Räucherstäbchens verfolgte ihn ebenso wie der bei jeder Wiederholung unheimlicher klingenden Musik.

Er zögerte einen Moment, versuchte vergeblich seinen zunehmend schnelleren Herzschlag zu beruhigen und tastete vorsichtig nach dem Lichtschalter. Der Schalter kippte und augenblicklich flutete ihm unbarmherziges, grelles Licht entgegen. In einer mittlerweise nur noch teilweise instinktiven Bewegung wich er zurück, ging in eine gebückte Haltung und hielt sich die Arme schützend vor den Kopf. Beinahe überrascht glitt sein Blick über die karge Einrichtung des beige gestrichenen Badezimmers und die weniger als ein Dutzend Flaschen und Tuben die auf dem schrägen Regal standen. Nichts.

Zögernd trat er ein und warf einen Blick in den staubigen, dringend eine Reinigung benötigenden Spiegel. Wie gewohnt starrte das zunehmend vertraute Bild des Fremden ihn durchdringend, ja beinahe panisch aus seinen weitaufgerissenen, geröteten Augen an.

Der Mann im Spiegel sah jedes Mal schlimmer aus. Seine halblangen, fettigen Haare verfilzten ebenso wie sein ungepflegter Bart, seine Haut wirkte zunehmend bleich und eingefallen und der abwesende, zugleich ängstliche und gleichgültige Blick ließ ihm beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Er hatte diesen Mann einmal gekannt, doch es fiel ihm immer schwerer zu sagen, wie lange das mittlerweile her war. In gewisser Hinsicht spürte er Mitleid mit seinem Ebenbild, Mitleid und Verachtung.

Ein leises, sich nur geringfügig von der Musik abhebendes Geräusch aus dem Wohnzimmer ließ beide, ihn und das Spiegelbild, in einer beinahe synchronen Bewegungen zusammenzucken und nackte Angst Einzug in ihre Mimik halten. Er zitterte am ganzen Leib, sein Herz schlug so schmerzhaft und laut, dass er fürchtete kein anderes Geräusch mehr wahrnehmen zu können. Oder auch das es für Niemanden zu überhören wäre. Nach grausamen und endlosen Sekunden, in denen sein rasender Herzschlag und das schier ohrenbetäubende Pumpen seines Blutes das Einzige für ihn Hörbare waren, riss er sich aus seiner Erstarrung und suchte panisch in der bescheidenen Auswahl des Bades nach den weißen Pillen in dem durchsichtigen, orangefarbenen Döschen. Mit zitternden, nur schwer zu kontrollierenden Bewegungen fingerte er ungeduldig an dem, im Grunde kinderleichten Verschluss der Dose herum. Mit einem keuchenden Laut der aus seiner Kehle drang, fielen der Deckel und der größere Teil der noch verbleibenden Pillen zu Boden, sprangen mit einer Vielzahl klackernder Geräusche auf den Fliesen umher und kamen nur langsam zur Ruhe.

Ein stechender Schmerz durchzuckte seine Knie, als er ohne jede Rücksicht dem Sturz seiner Sicherheit versprechenden Wundermittel folgte und mit fahrigen Bewegungen über den kalten, von zahllosen kleinen Pfützen übersäten Boden tastete. Nachdem seine ungeschickten Finger endlich fanden was sie gesucht hatten, verschlang er gierig erst zwei, dann drei der weißen Pillen, lehnte seinen Kopf gegen den Rand der Waschbeckens und wartete sehnsüchtig auf die erhoffte Wirkung. Minutenlang verharrte er beinahe regungslos auf dem belanglosen Kachelmuster des Bodens, bis seinen Körper langsam ein aufkommendes Gefühl vorgespielter Energie durchfloss, die Ermattung und Müdigkeit, die in den letzten Tagen sein ständiger Begleiter geworden war, zurückwich und die seltsamen Farbverzerrungen, die seine brennenden Augen ihm zunehmend vorgegaukelt hatten, langsam wieder zu klaren Formen wurden.

Mit wackligen Beinen und nicht ohne sich mit beiden Händen am Waschbecken festzuklammern erhob er sich und blickte ein weiteres Mal in den Spiegel. Er schenkte seinem Ebenbild ein kurzes, aufmunterndes Lächeln. Wieder etwas Zeit erkauft. Wir werden es schaffen. Die zurückkehrende Resignation kam gleichzeitig mit dem zweifelnden, traurigen Blick seines Gegenübers. Als ob er an ihm zweifeln würde. Als wollte er ihm sagen, dass er es besser wissen sollte. Und natürlich hatte er Recht. Er hatte immer Recht.

Ärgerlich, dem Blickduell nicht mehr länger standhalten zu können, kehrte er in das angenehme Zwielicht der Kerzen und Schatten zurück. Andere an seiner Stelle würden das Licht vielleicht vorziehen, in seiner gleißenden Helligkeit baden und sich der strahlenden Illusion seiner Sicherheit ergeben. Doch er wusste, dass Zweifel und Schatten, in denen sich schlichtweg Alles verbergen konnte Besser waren. Besser als Gewissheit zu haben. Besser als tatsächlich zu sehen. Langsam schritt er zu den schweren, speckigen Vorhängen, die Tag und Nacht für ihn bedeutungslos hatten werden lassen und öffnete zögerlich einen schmalen Spalt.

Sein Fenster zur Welt, zu der von den Menschen gestalteten Illusion einer Realität. Sein Blick glitt über die nächtliche Strasse unter ihm, die von zahllosen Straßenlaternen und den farbigen Werbeaufschriften der geschlossenen Geschäfte in kaltes, gleichgültiges Licht getaucht wurde. Er betrachtete die Menschen die scheinbar ziellos in sämtliche erdenkliche Richtungen liefen, verschieden in Kleidung, Auftreten, Verhalten und ihrer Wirkung auf Andere. Und doch im Grunde ihres Seins alle vollkommen gleich. Sie suchten ihr Glück oder genossen das bereits Gefundene. Lebten in ihren Lügen, lebten mit Ihnen und nicht zuletzt von Ihnen. Menschen lügen und meistens belügen sie sich selbst.

Er seufzte und beneidete die ruhelose Flut der Menschen, beneidete sie um ihren Schein, ihre Naivität und ihre Fähigkeit zur Selbsttäuschung. Wüssten sie was er wusste. Hätten sie gesehen, was er erblickt hatte. Hätten sie hinter die gnädigen Schleier ihrer Wirklichkeit geblickt, die schützenden Barrieren ihrer Realität durchbrochen. Mit Tränen in den Augen wandte er sich von dem schmerzhaften Anblick der nächtlichen Strasse ab und ließ sich erneut in seinen Sessel fallen.

Er landete auf etwas hartem, kalten und zog es zögerlich unter seinem Oberschenkel hervor. Langsam strich seine Hand über die regelmäßigen, glatten Kanten der Schusswaffe. Selbst in dem spärlichen Licht der Kerzen glänzte seine silberne Oberfläche und reflektierte den ruhelos flackernden Schein. Es lag etwas ungemein Ästhetisches, Reines und Ehrliches im Anblick der Waffe. Etwas in seiner Einfachheit Vollkommendes. Das Gewicht in seinen Händen war beruhigend und gab ihm ein in Vergessenheit geratenes Gefühl der Sicherheit.

Eine plötzliche Kälte schlug frontal gegen ihn, glitt seitlich um ihn herum und zog sich langsam aber unaufhaltsam seinen Rücken und seine Beine hinab. Keine Geräusche, außer den zunehmend entfernt klingenden Töne der Musik waren zu vernehmen, keine wahrnehmbare Bewegung im flackernden Spiel der Kerzen und schleichenden Schatten war zu erkennen, doch hatte er keinerlei Zweifel an der Anwesenheit. Er gratulierte sich innerlich selbst zu der Entscheidung der Dunkelheit den Vorzug gegeben zu haben.

Die Kälte drang in ihn ein, schien die Adern seines ganzen Körper zu durchfließen, und sich wie ein Schraubstock fester und fester um sein Herz zu legen. Ein nicht endender Schauer erfüllte ihn, ließ ihn erbeben und eiskalte Luft drang durch seinen tiefen Atemzug in seine Lunge. Er spürte wie sich die Präsenz näherte, geräuschlos und lauernd. Es war hier. Es hatte ihn gefunden, woran im Grunde niemals wirklich ein Zweifel bestanden hatte. Dennoch war er ruhig, ruhiger als er es in der grausamen Ewigkeit der letzten Tage jemals gewesen war. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Es war zu spät gekommen. Es hatte ihm zuviel Zeit gelassen. Zeit zum Nachdenken, Zeit den offensichtlichen Ausweg zu erkennen und zu akzeptieren. Es war gescheitert und hatte den Kampf verloren. Er spürte wie es sich weiter näherte, die Schatten und die Dunkelheit beherrschte, vereinnahmte und sich wie ein Netz aus Kälte und Schwärze um ihn zu legen drohte. Doch es würde ihn nicht bekommen. Seine Hand schloss sich fest um den Abzug der Waffe und sein überlegenes Lachen durchdrang den Raum.


current mood

16.6.08 04:25
 
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