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Fragmente

2.3.17 08:52


Unbedeutendes Fragment Nr 1. (1. Entwurf)


Mit langsamen, zittrigen Bewegungen nahm er die letzte, leicht verknickte Zigarette aus ihrer Verpackung. Das Feuerzeug, das er scheinbar bereits seit Stunden festhielt, hatte deutliche Abdrücke auf seiner Handfläche hinterlassen und durch die mangelnde Koordination seiner Finger dauerte es schier endlose Sekunden, bis die Flamme emporschoss und mit einem knisternden Geräusch die Spitze der Zigarette entzündete. Fast gierig sog er den aromatischen Rauch in seine Lunge, ließ ihn dort für einen kurzen Moment verweilen und stieß ihn mit einem übertriebenen Ton der Befriedigung wieder hinaus.

Der Rauch glitt über die schattenhaften Umrisse des Tisches und der wachsenden Landschaft von Unrat die sich darauf stapelte. Angestrahlt von dem Licht der spärlichen Kerzen, das jetzt in leichte, flackernde Bewegung geriet, wirkte er wie ein geisterhafter Nebel der sich über die Reste einer zerstörten Zivilisation legte. Der Rauch vermischte sich mit den dünnen Schwaden des Räucherstäbchens, der Miniaturausgabe einer Rauchsäule die in der Schwärze unter der Decke entschwand. Die düsteren Töne, der sich in einer Endlosschleife seit Stunden wiederholenden Musik unterstrichen das bizarre Bild einer wechselhaften Eintönigkeit.

Das im Vergleich zur vorherrschenden Dunkelheit strahlende Licht seines Handydisplay erstrahlte und vertrieb für einen Augenblick die melancholische Schönheit die sein verwirrter Geist wahrzunehmen glaubte und zwang ihn kurz die durch die plötzliche Helligkeit geblendeten Augen zu schließen. Ein zweiter, verschwommener Blick auf das Telefon offenbarte ihm, was er im Grunde bereits hätte wissen müssen. Das gleißende Licht informierte ihn lediglich über die jetzt vollständige Ladung seines Akkus. Kein Anruf. Keine Nachricht. Wie wahrscheinlich bereits seit Tagen, die ihm vorkamen wie Wochen, nicht mehr.

Die Brücken waren niedergebrannt, äußere Einflüsse ausgesperrt und die zunehmend mangelnde Konzentration lag ausschließlich auf ihm selbst und seiner eigenen, kleinen Welt. Wie lange saß er schon hier, wie lange betäubt er seine Gedanken, Sinne und Empfindungen? Doch hatte das tatsächlich eine Bedeutung? Langsam erhob er sich und der schlagartig aufkommende Schwindel ließ ihn taumeln, seine Wahrnehmung verzerrte sich und ließ die zahllosen, sich durch das behutsam flackernde Kerzenlicht bewegenden Schatten für einen kurzen, schrecklichen Moment zu etwas Anderem, etwas Unbeschreiblichem werden.

Er atmete tief durch und versuchte die anhaltende Drehung seines Geistes und seiner Wahrnehmung, die Beide mit allen Mitteln versuchten seinen Körper in ihre Bewegung einzubinden, zu beruhigen. Diesmal dauerte es deutlich länger bis sein Blick sich wieder halbwegs klärte und die lauernden Schemen seiner Einbildung wieder aus den Randgebieten seiner Sicht entschwanden. Die aufputschende Wirkung der Drogen verblasste zunehmend und öffnete dem bereits gegen die Dämme schlagenden Rausch seines übermäßigen Alkoholkonsums Tür und Tor. Eine gnadenlose Müdigkeit erfasste ihn, zerrte an seinen steifen Gliedern und zwang ihn zu einem nicht zu unterdrückenden Gähnen.

Nicht schlafen, Alles nur nicht schlafen. Die beinahe der Schwerkraft strotzenden Türme aus Tassen und Bechern, die sich aus der bizarren Tischlandschaft erhoben, riefen ihm ins Gedächtnis dass die letzten Kaffeevorräte längst verbraucht waren. Langsamen Schrittes wankte er durch die spärlich erhellte Dunkelheit in Richtung des Badezimmers. Er ignorierte den schmerzhaften Stoß gegen den Rand des Tisches, der eine Flut nutzloser Dinge auf den Boden auslöste ebenso wie den Teller der unter seinem rechten Fuß in ein halbes Dutzend großer Keramikscherben zerbrach. Der süßliche, durch Tabakrauch geschwängerte Duft des Räucherstäbchens verfolgte ihn ebenso wie der bei jeder Wiederholung unheimlicher klingenden Musik.

Er zögerte einen Moment, versuchte vergeblich seinen zunehmend schnelleren Herzschlag zu beruhigen und tastete vorsichtig nach dem Lichtschalter. Der Schalter kippte und augenblicklich flutete ihm unbarmherziges, grelles Licht entgegen. In einer mittlerweise nur noch teilweise instinktiven Bewegung wich er zurück, ging in eine gebückte Haltung und hielt sich die Arme schützend vor den Kopf. Beinahe überrascht glitt sein Blick über die karge Einrichtung des beige gestrichenen Badezimmers und die weniger als ein Dutzend Flaschen und Tuben die auf dem schrägen Regal standen. Nichts.

Zögernd trat er ein und warf einen Blick in den staubigen, dringend eine Reinigung benötigenden Spiegel. Wie gewohnt starrte das zunehmend vertraute Bild des Fremden ihn durchdringend, ja beinahe panisch aus seinen weitaufgerissenen, geröteten Augen an.

Der Mann im Spiegel sah jedes Mal schlimmer aus. Seine halblangen, fettigen Haare verfilzten ebenso wie sein ungepflegter Bart, seine Haut wirkte zunehmend bleich und eingefallen und der abwesende, zugleich ängstliche und gleichgültige Blick ließ ihm beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Er hatte diesen Mann einmal gekannt, doch es fiel ihm immer schwerer zu sagen, wie lange das mittlerweile her war. In gewisser Hinsicht spürte er Mitleid mit seinem Ebenbild, Mitleid und Verachtung.

Ein leises, sich nur geringfügig von der Musik abhebendes Geräusch aus dem Wohnzimmer ließ beide, ihn und das Spiegelbild, in einer beinahe synchronen Bewegungen zusammenzucken und nackte Angst Einzug in ihre Mimik halten. Er zitterte am ganzen Leib, sein Herz schlug so schmerzhaft und laut, dass er fürchtete kein anderes Geräusch mehr wahrnehmen zu können. Oder auch das es für Niemanden zu überhören wäre. Nach grausamen und endlosen Sekunden, in denen sein rasender Herzschlag und das schier ohrenbetäubende Pumpen seines Blutes das Einzige für ihn Hörbare waren, riss er sich aus seiner Erstarrung und suchte panisch in der bescheidenen Auswahl des Bades nach den weißen Pillen in dem durchsichtigen, orangefarbenen Döschen. Mit zitternden, nur schwer zu kontrollierenden Bewegungen fingerte er ungeduldig an dem, im Grunde kinderleichten Verschluss der Dose herum. Mit einem keuchenden Laut der aus seiner Kehle drang, fielen der Deckel und der größere Teil der noch verbleibenden Pillen zu Boden, sprangen mit einer Vielzahl klackernder Geräusche auf den Fliesen umher und kamen nur langsam zur Ruhe.

Ein stechender Schmerz durchzuckte seine Knie, als er ohne jede Rücksicht dem Sturz seiner Sicherheit versprechenden Wundermittel folgte und mit fahrigen Bewegungen über den kalten, von zahllosen kleinen Pfützen übersäten Boden tastete. Nachdem seine ungeschickten Finger endlich fanden was sie gesucht hatten, verschlang er gierig erst zwei, dann drei der weißen Pillen, lehnte seinen Kopf gegen den Rand der Waschbeckens und wartete sehnsüchtig auf die erhoffte Wirkung. Minutenlang verharrte er beinahe regungslos auf dem belanglosen Kachelmuster des Bodens, bis seinen Körper langsam ein aufkommendes Gefühl vorgespielter Energie durchfloss, die Ermattung und Müdigkeit, die in den letzten Tagen sein ständiger Begleiter geworden war, zurückwich und die seltsamen Farbverzerrungen, die seine brennenden Augen ihm zunehmend vorgegaukelt hatten, langsam wieder zu klaren Formen wurden.

Mit wackligen Beinen und nicht ohne sich mit beiden Händen am Waschbecken festzuklammern erhob er sich und blickte ein weiteres Mal in den Spiegel. Er schenkte seinem Ebenbild ein kurzes, aufmunterndes Lächeln. Wieder etwas Zeit erkauft. Wir werden es schaffen. Die zurückkehrende Resignation kam gleichzeitig mit dem zweifelnden, traurigen Blick seines Gegenübers. Als ob er an ihm zweifeln würde. Als wollte er ihm sagen, dass er es besser wissen sollte. Und natürlich hatte er Recht. Er hatte immer Recht.

Ärgerlich, dem Blickduell nicht mehr länger standhalten zu können, kehrte er in das angenehme Zwielicht der Kerzen und Schatten zurück. Andere an seiner Stelle würden das Licht vielleicht vorziehen, in seiner gleißenden Helligkeit baden und sich der strahlenden Illusion seiner Sicherheit ergeben. Doch er wusste, dass Zweifel und Schatten, in denen sich schlichtweg Alles verbergen konnte Besser waren. Besser als Gewissheit zu haben. Besser als tatsächlich zu sehen. Langsam schritt er zu den schweren, speckigen Vorhängen, die Tag und Nacht für ihn bedeutungslos hatten werden lassen und öffnete zögerlich einen schmalen Spalt.

Sein Fenster zur Welt, zu der von den Menschen gestalteten Illusion einer Realität. Sein Blick glitt über die nächtliche Strasse unter ihm, die von zahllosen Straßenlaternen und den farbigen Werbeaufschriften der geschlossenen Geschäfte in kaltes, gleichgültiges Licht getaucht wurde. Er betrachtete die Menschen die scheinbar ziellos in sämtliche erdenkliche Richtungen liefen, verschieden in Kleidung, Auftreten, Verhalten und ihrer Wirkung auf Andere. Und doch im Grunde ihres Seins alle vollkommen gleich. Sie suchten ihr Glück oder genossen das bereits Gefundene. Lebten in ihren Lügen, lebten mit Ihnen und nicht zuletzt von Ihnen. Menschen lügen und meistens belügen sie sich selbst.

Er seufzte und beneidete die ruhelose Flut der Menschen, beneidete sie um ihren Schein, ihre Naivität und ihre Fähigkeit zur Selbsttäuschung. Wüssten sie was er wusste. Hätten sie gesehen, was er erblickt hatte. Hätten sie hinter die gnädigen Schleier ihrer Wirklichkeit geblickt, die schützenden Barrieren ihrer Realität durchbrochen. Mit Tränen in den Augen wandte er sich von dem schmerzhaften Anblick der nächtlichen Strasse ab und ließ sich erneut in seinen Sessel fallen.

Er landete auf etwas hartem, kalten und zog es zögerlich unter seinem Oberschenkel hervor. Langsam strich seine Hand über die regelmäßigen, glatten Kanten der Schusswaffe. Selbst in dem spärlichen Licht der Kerzen glänzte seine silberne Oberfläche und reflektierte den ruhelos flackernden Schein. Es lag etwas ungemein Ästhetisches, Reines und Ehrliches im Anblick der Waffe. Etwas in seiner Einfachheit Vollkommendes. Das Gewicht in seinen Händen war beruhigend und gab ihm ein in Vergessenheit geratenes Gefühl der Sicherheit.

Eine plötzliche Kälte schlug frontal gegen ihn, glitt seitlich um ihn herum und zog sich langsam aber unaufhaltsam seinen Rücken und seine Beine hinab. Keine Geräusche, außer den zunehmend entfernt klingenden Töne der Musik waren zu vernehmen, keine wahrnehmbare Bewegung im flackernden Spiel der Kerzen und schleichenden Schatten war zu erkennen, doch hatte er keinerlei Zweifel an der Anwesenheit. Er gratulierte sich innerlich selbst zu der Entscheidung der Dunkelheit den Vorzug gegeben zu haben.

Die Kälte drang in ihn ein, schien die Adern seines ganzen Körper zu durchfließen, und sich wie ein Schraubstock fester und fester um sein Herz zu legen. Ein nicht endender Schauer erfüllte ihn, ließ ihn erbeben und eiskalte Luft drang durch seinen tiefen Atemzug in seine Lunge. Er spürte wie sich die Präsenz näherte, geräuschlos und lauernd. Es war hier. Es hatte ihn gefunden, woran im Grunde niemals wirklich ein Zweifel bestanden hatte. Dennoch war er ruhig, ruhiger als er es in der grausamen Ewigkeit der letzten Tage jemals gewesen war. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Es war zu spät gekommen. Es hatte ihm zuviel Zeit gelassen. Zeit zum Nachdenken, Zeit den offensichtlichen Ausweg zu erkennen und zu akzeptieren. Es war gescheitert und hatte den Kampf verloren. Er spürte wie es sich weiter näherte, die Schatten und die Dunkelheit beherrschte, vereinnahmte und sich wie ein Netz aus Kälte und Schwärze um ihn zu legen drohte. Doch es würde ihn nicht bekommen. Seine Hand schloss sich fest um den Abzug der Waffe und sein überlegenes Lachen durchdrang den Raum.


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16.6.08 04:25


Unbedeutendes Fragment Nr. 2 (1. Entwurf)


Das grausame, langsam an Lautstärke und Dringlichkeit zunehmende Zirpen des Funkweckers riss ihn ohne Vorwarnung oder sanften Übergang aus seinen verstörenden Träumen. Augenblicklich schoss er in eine sitzende Position, sog so gierig Luft in seine Lungen als hätte er seit Stunden keinen Atemzug mehr getan und wartete darauf dass sich die verschwommenen Aspekte seiner Wahrnehmung zu einem Bild der Realität zusammensetzte, wie er sie kannte. Erst als ihm wieder bewusst wurde, Wer, Wo und Warum er war, brachte er das mittlerweile ohrenbetäubende Geschrei des Weckers durch einen kurzen Ausruf zum Schweigen.

Er schlug die verschwitzte Satinbettwäsche zur Seite, hob sich langsam aus dem Bett und schlurfte noch sichtlich verschlafen und unter den Nachwehen seines bizarren Traumes leidend in das schwarz/weiß gekachelte Badezimmer hinein. Beinahe ohne sein eigenes Zutun fanden seine Beine den immer gleichen Weg in die offene Duschkabine und kurz darauf trafen die ersten Wasserstrahlen auf seinen Körper. Das Wasser vermischte sich mit dem ihn bedeckenden Schweiß, zog ihn mit sich und riss ihn in die Tiefe hinab. Minutenlang stand er fast regungslos unter dem prasselnden Wasser, spürte wie ihn die angenehme Frische der kühlen Flüssigkeit vitalisierte, zu neuem Leben erweckte und jegliche Reste des unangenehmen Schlafbegleiters aus seinem Bewusstsein fortspülte.

Neugeboren und die Haare mit dem kleinen, schnurlosen Heißluftfön trocknend trat er gut gelaunt in das Wohnzimmer ein und schaltete den beinahe die halbe Wand einnehmenden Flachbildschirm ein. Augenblicklich erschien das adrette Gesicht des Nachrichtensprechers auf dem Schirm, der dabei war das Bild einer schöngefärbten Wirklichkeit in die Köpfe der Zuschauer zu malen. Schön genug um Hoffnungen und Träume zu erhalten und das steigende Konsumverhalten nicht zu gefährden aber dennoch so schlecht und voller Abgründe, dass Jeder einen Grund zur Beschwerde hatte und mit der Gesamtsituation unzufrieden sein konnte. Vor Allem jedoch musste das Bild genug unterschiedliche Farben und einen hohen Deckungsgrad aufweisen, damit Niemand mehr die Wahrheiten auf der übertünchten Leinwand erkennen konnte.

Noch bevor seine Haare die letzte Spur von Nässe verloren hatten, griff er mit der Linken nach dem heißen Kaffee den die hilfsbereite, an seinem Wecker gekoppelte Maschine eigens für ihn gemacht hatte und nippte daran. Augenblicklich spürte er wie die wohlige Energie des amphetaminverstärkten Koffeins durch seinen Körper zog und ihm die Kraft und Produktivität verleihen würde um einen vorbildlichen Arbeitstag zu absolvieren. Er legte den Fön beiseite, nahm die angenehm riechende Frühstückstasche aus der Ofenautomatik und biss herzhaft in die mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und unbekannten Zusatzstoffen durchsetzte, eigens auf seine Bedürfnisse ausgerichtete Nahrungseinheit. 'Alles was Du brauchst', lautete die weltweit bekannte Werbebotschaft der strohblonden Grundschülerin, daher musste es auch so sein.

Nach dem er brav seinen Kaffee getrunken und sein Frühstück verspeist hatte, zog er einen seiner dunklen, sich nur in unwesentlichen Kleinigkeiten unterscheidenden Anzüge an und entschied sich an diesem Tage für eine fast schon abenteuerliche, graugestreifte Krawatte. Er warf noch einen schnellen, routinierten Blick in den Spiegel, schenkte seinem Gegenüber ein durch seine frisch gebleichten Zähne strahlendes Lächeln und kämmte die letzten, kaum erkennbaren Unregelmäßigkeiten aus seinen kurzen, glatten Haaren.

Heute würde ein guter Tag werden. Denn er würde genauso sein wie jeder Andere.


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26.6.08 20:33


Unbedeutendes Fragment Nr. 3 (1. Entwurf)

Der Aufschlag erzeugte einen kurzen Klangteppich, der sich aus den Geräuschen splitternden Sicherheitsglases, sich schlagartig verbiegendem Leichtmetalls, berstender Knochen und aufplatzender Körperteile zusammensetzte und der ihn in gewisser Hinsicht an die Samples erinnerte, mit denen immer mehr der Industrialtracks einer stagnierenden Partyszene zu beginnen pflegten. Wo sonst jedoch ein harter Bass, einige sinnlose, sich wiederholende Spracheinspielungen und vor Allem ein ohrenbetäubender Krach gefolgt hätten, trat hier ein gegenteiliger Effekt ein. Das laute und ausgelassene Treiben der zahllosen Menschen um ihn herum, ihr Lachen, ihr lautes Rufen, die Beleidigungen und die sich zunehmend zu einem Straßenkampf entwickelnde Streitigkeiten verstummten schlagartig und für einen kurzen Moment waren die schrillen, altertümlich klingenden Töne der Alarmanlage des geschädigten Sportwagens die einzigen hörbaren Geräusche. Bis das zu erwartende Kreischen begann.

Die Menschenmasse, die sich scheinbar ziellos durch die breite Häuserschlucht der uniformen Wohntürme drängte, reagierte gewohnt in ihrer berechenbaren Unberechenbarkeit. Einige schrien, wendeten sich von dem grauenhaften Bild ab, auf das die unerwarteten Töne ihre Aufmerksamkeit gezogen hatte oder rannten gar panisch und scheinbar um ihr eigenes Dasein bangend davon. Andere verharrten regungslos, starrten geschockt und mit offenstehenden Mündern auf die, trotz ihrer zunehmend vorkommenden Häufigkeit noch immer ungewohnte Szene und schlugen teilweise mit nahezu theatralischem Gehabe die Hände über dem Kopf zusammen. Einige hoben den Blick gen Himmel, als erwarteten sie dass weitere Körper durch die ewige Dunstglocke fallen würden, die sich Hunderte von Metern über ihnen zwischen den verspiegelten Gebäudefassaden erstreckte und durch die aufgehende Sonne in ein Kunstwerk von unzähligen Orangetönen verwandelt wurde. Es war ein Tag wie jeder Andere, doch das Mädchen hatte scheinbar entschieden dass es ein guter Tag zum Sterben war.

Er bahnte sich einen Weg durch die zu bewegungslosen Statuen mutierten Menschen, die in einem unregelmäßigen Halbkreis um das noch immer lärmende Zentrum der Autoalarmanlage standen und nicht fähig schienen ihre kreidebleichen und entsetzten Gesichter abzuwenden. Die apathischen Beobachter, die in einem beinahe ehrfürchtigen Abstand um das Zentrum des Geschehens verteilt standen, die an eine in Vergessenheit geratene Heiligenverehrung erinnerte, waren so auf das sie erschreckende Bild fixiert, dass sie nichts Anderes um sich herum wahrzunehmen schienen. Selbst seine Berührungen, seine Hände mit denen er sie sanft aber bestimmt beiseite schob, spürten sie offensichtlich nicht, nur wenn er ihnen durch seine Anwesenheit ihre direkte Sichtlinie nahm, kehrte das Leben kurz in sie zurück und die magnetische Anziehungskraft der grauenhaften Szene veranlasste sie zu hektischen Kopfbewegungen und dem Recken ihrer Hälse.

Der Körper des Mädchens war auf der vorderen Hälfte des schnittigen Sportwagens aufgeschlagen und hatte durch die Wucht des freien Falls, aus einer wahrscheinlichen Höhe von mehr als einem Kilometer, eine tiefe Einbuchtung in die Motorhaube geschmettert aus deren Rändern jetzt verbogene und scharfkantig wirkende Metallstreben herausragten. Ihr Kopf hatte das Sicherheitsglas der Windschutzscheibe eingedrückt und in ein unregelmäßiges Spinnennetzmuster aus Scherben und Blut verwandelt. Sowohl die Arme wie auch die Beine der bedauernswerten Gestalt wirkten wie blutige und in unmöglicher, nahezu grotesker Haltung vom Körper abstehende Äste eines Baumes, der nur noch in den Erinnerungen älterer Menschen oder den Bildarchiven des Netzes zu finden war. Sie waren durch den Aufprall mit einer Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde zerschmettert, aufgeplatzt und an zahllosen Stellen bohrten sich kleinere und größere Splitter ihrer Knochen durch die blutgetränkte Haut, auf der nur noch an wenigen Stellen die Reste von vielleicht einmal künstlerisch wertvollen Tätowierungen zu erahnen waren. Eine der Hände mit den langen, schwarz lackierten Fingernägeln stand in verstörendem, fast bittenden Winkel nach oben ab und die geöffnete Handfläche wirkte als sollte man etwas Passendes hineinlegen. Sie trug nur noch einen der glänzenden High-Heels, der so hoch war dass man sich fragte wie sie überhaupt fähig gewesen sein mochte, auf ihnen zu laufen. Wo der Andere war, würde vielleicht niemals Jemand erfahren.

Das Mädchen trug ein kurzes Latexvideokleid, das den wahrscheinlich grauenhaften Anblick ihres geborstenen Oberkörpers verbarg und nicht müde wurde eine Bildfolge von ständig wechselnden, in Blau- und Grautönen gehaltenen Explosionen darzustellen, die ihre blutige Gestalt in ein zweifarbiges Spiel aus Licht und Schatten tauchte. Das enganliegende und wasserdichte Kleidungsstück war selbst bis auf wenige Spritzer vollkommen frei von Blut, wirkte jedoch wie eine unerschöpfliche Quelle für die kleinen und langsam fließenden roten Bäche die darunter hervortraten, ihren Weg über die schwarze Motorhaube suchten und sich in kleinen, tröpfelnden Wasserfällen über die Stoßstange auf die Plastbetonstrasse ergossen um sich dort in kleinen Seen zu sammeln.

Der Hinterkopf des Mädchens war durch den rückwärtigen Sturz auf die, offensichtlich zu Unrecht als stoßsicher angepriesene Windschutzscheibe zerborsten und hatte einen trichterförmigen, auf makabere Weise an ein psychologisch tiefgründiges Tintenklecksbild erinnerndes Bildnis aus Blut und Hirnmasse darüber hinterlassen. Der in einzelnen Rinnsalen aus dem Schädel austretende Lebenssaft verdunkelte zunehmend Teile ihres hellblauen und zu einem seltsamen Wirrwarr aus Locken und geflochtenen Zöpfen verunstalteten Haares und lief an den Seiten ihres hübschen und wie durch ein Wunder größtenteils unversehrten Gesichtes entlang. Der helle, unglaublich ebenmäßige Teint ihrer Haut und die wunderschönen, fast puppenhaften Gesichtszüge suggerierten ein Gefühl der Unschuld und der beschützenswerten Zerbrechlichkeit, auch wenn offensichtlich war dass Beides ein Resultat aus kosmetischen Produkten und der allgegenwärtigen plastischen Chirurgie waren. Ihre großen, durch einen zackigen Kranz dunklen Make-ups umgeben Augen strahlten in dem unnatürlichen, bläulichen Glanz ihrer Kontaktlinsen, die ihnen ein die Wirklichkeit Lügen strafendes, lebendiges Aussehen verliehen. Über ihre breiten, leicht geöffneten und blau geschminkten Lippen und aus den aufgeplatzten Stellen unter ihrem schmalen Kinn floss dünnflüssiges und verwässert wirkendes Blut, über ihren Hals und in das tiefe Tal zwischen ihren großen, nur spärlich durch ihr Kleid bedeckten und zweifellos unechten Brüste hinab.

Das Mädchen, das selbst in diesem Zustand noch Lebensfreude auszustrahlen schien und auf eine kranke Art und Weise noch immer begehrenswert wirkte, konnte nicht viel älter als Anfang oder vielleicht Mitte Zwanzig sein, ein Alter in dem man Alles zu wissen glaubte und es im Grunde nichts wirklich Neues mehr zu lernen gab. Sie konnte aufgrund ihrer extrovertierten Kleidung und ihres, sich von der Norm abheben wollenden Äußeren, unmöglich in eine der zahllosen, und sich immer mehr und in unübersichtlicher Weise überschneidenden Subkulturen oder Musikrichtungen zugeordnet werden. Sie hatte wahrscheinlich Zeit ihres Lebens versucht sich von gegebenen Klassifizierungen, Schubladen und Zuordnungen aller Art zu distanzieren, Eigenständig und nur sie selbst zu sein. Und war gerade deshalb so geworden wie die meisten Anderen auch. Doch sie hatte den Tod gewählt und lag mit verrenkten Gliedern in einem Teppich ihres eigenen Blutes, in einem erstarrten Tanz zu dem ohrenbetäubenden Heulen der Alarmanlage des reparaturbedürftigen Sportwagens.

Er drückte auf die kaum fingergroße Fernbedienung des Wagens und augenblicklich verstummte das, an seinen Nerven zerrende Geräusch das in potentiellen Dieben Panik auslösen sollte und ließ das Murmeln und die gedämpften Unterhaltungen der geschockten Zuschauer wie ein statisches Hintergrundrauschen in den Vordergrund gleiten. Verflucht. Allein an dieser Straße mit seinen gigantischen, immer baugleichen und verspiegelten Wohneinheiten parkten Tausende von Fahrzeugen, von den freien Flächen abseits der Haltestreifen einmal ganz abgesehen. Warum um Alles in der Welt musste dieses, dem Leben überdrüssig gewordene Mädchen ausgerechnet auf seines stürzen? Diese eher metaphysische Frage, die mit Garantie Niemals zufriedenstellend beantwortet werden konnte und die Frage wie lange es dauern mochte bis sein Sportwagen wieder Repariert und Einsatzbereit sein mochte, beschäftigte ihn in der Tat mehr als die Frage, warum das Mädchen sich für den Tod entschieden hatte. Ohne den Blick von dem toten Mädchen zu lösen trat er näher an sie heran, griff in seine Tasche und holte eine der selbstentzündenden Zigaretten hervor. Ein kurzer Zug am Filter ließ die Spitze der Zigarette entflammen und das altbekannte, stets damit einhergehende Zischen schien die raunenden Geräusche hinter ihm für einen kurzen Augenblick vollkommen zu übertönen. Gewohnheitsmäßig zog er den aromatischen Rauch tief in seine Lunge, ließ ihn dort für einen Moment verharren und stieß ihn in einem langsamen Schwall wieder heraus.

Der Anblick des entstellten Körpers, aus dem noch immer ein nicht endender Schwall aus Blut rann und sich in einer größer werdenden Pfütze vor seinen Füßen sammelte, löste nur wenige Emotionen in ihm aus und hätte ihn vielleicht sogar völlig kalt und desinteressiert zurückgelassen, läge das Mädchen nicht bedauerlicherweise gerade auf seinem Wagen. So jedoch war er gezwungen sich mit der Situation auseinander zu setzen und sein Gehirn beschäftigte sich bereits eigenständig und ohne sein Zutun mit Gedanken und Überlegungen, die ihn im Grunde überhaupt nicht interessierten. Wieso war sie von dem Dach eines der Kilometer hohen Wolkenkratzer gesprungen, die die gesamte, triste Innenstadt völlig dominierten? Und daran dass es sich um Selbstmord handelte, bestand im Grunde keinerlei Zweifel. Neben dem aufgrund zunehmender Überwachung immer weiter sinkender Zahlen von schweren Gewaltverbrechen und Tötungsdelikten, galt Selbstmord in den zivilisierten Teilen der Welt seit mehr als zwei Jahrzehnten als Haupttodesursache überhaupt. Jeden Tag suchten Hunderte alleine in dieser Stadt den Tod, Zehntausende im ganzen Land und eine schlichtweg unbekannte Zahl weltweit. Seit er denken konnte stieg die Selbstmordrate Jahr um Jahr in immer schwindelerregende Höhen, wenn auch bedauerlicherweise noch immer zu langsam um das noch rapider zunehmende Bevölkerungswachstum auch nur nennenswert zu verlangsamen. Im Grunde nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Die Gründe warum das blauhaarige Mädchen den Tod gesucht haben könnte, waren wahrscheinlich vielfältiger als die Gründe, warum Andere leben wollten. Eine verschmähte oder unglückliche Liebe, für Diejenigen die an die fragwürdige Klassifizierung von niemals Zufriedenstellend zu beschreibenden und stets verwirrenden Gedankengängen glauben mochten, war schon immer einer der Hauptgründe gewesen, dem Wunsch nach der Beendigung des eigenen Lebens nachzukommen. Die Abwärtsspirale der vernichtensten Gefühle, dem die Menschen jemals einen Namen gegeben hatten trieb in jeder Generation Zahllose in die Abgründe der Verzweiflung, verwirrte ihr Denken so stark dass die Vernunft meist vollkommen auf der Strecke blieb und besiegte so die immer geringeren Reste des verbliebenen Selbsterhaltungstriebes.

Oftmals führten auch soziale Isolation, ungewollte oder auch als Lebensweg gewählte Einsamkeit zu dem Drang seinem Leben ein Ende zu setzen. Gerade in einer Gemeinschaft in der immer mehr Menschen auf kleinerem Raum zusammenlebten, in denen das Verlassen der eigenen vier Wände zu einem nicht vermeidbaren Zusammentreffen mit unzähligen Menschen führte, war das Individuum zunehmend allein. Eine wahre Gemeinschaft gab es bereits seit Langem nicht mehr, nur eine unermessliche Zahl von Fremden mit denen man teilweise ein ähnliches Schicksal teilte, was jedoch in den wenigsten Fällen zu Gemeinsamkeiten führte. Die Menschen waren Fremde und umso Näher sie sich durch ihren engen Lebensraum, die weltweite Vernetzung und die Irrelevanz von Entfernungen kamen, umso weiter entfremdeten sie sich voneinander. Selbst Freunde waren Fremde, die nur unbedeutend weniger fremd waren als Andere, über die man sich einbildete viel zu wissen ohne sie jedoch jemals tatsächlich zu kennen. Eigentlich kannte man Niemanden wirklich, in Wirklichkeit war man immer Allein.

Es gar noch zahllose andere Gründe, die gerade junge Menschen in den Tod führen konnten, der Tod eines geliebten Menschen, ein tragischer Verlust des Arbeitsplatzes, digitale Schulden bei einer digitalen Bank, die langen Lieferfristen von Neuwagen oder auch einfach die Erkenntnis dass der Weihnachtsmann nicht wirklich existiert. Oftmals waren es Kurzschlussreaktionen, spontane und aus einer gefühlsmäßigen Extremsituation geborene Entscheidungen, die man wenige Stunden oder gar nur wenige Minuten später wieder verworfen hätte. Situationen in denen ein gutes Timing über Leben und Tod entscheiden konnte und nicht selten die Wirkung verschiedener Drogen überaus hilfreich sein konnte. Süchte und andere, selbst gewählte geistigen Blockaden des eigenen verstörten Denkens reichten oftmals bereits aus, um auch ohne eine besondere Gefühlslage zu nutzen, das spontane Ende seiner Existenz zu beschließen. Immer häufiger jedoch, was zahllose Abschiedsbriefe, Liedtexte und pseudophilosophische Texte beweisen die zunehmend das Netz überfluteten, waren es keine unausgereiften, schnell erdachten und ebenso schnell ausgeführten, sondern langsam gewachsene, durchdachte und mit einer fragwürdigen Logik begründeten Existenzbeendigungen.

Es waren keine offensichtlichen, durch Verluste oder Ängste hervorgerufenen Gründe mehr und auch keine übertriebenen Auswirkungen hoch geputschter Emotionen, es war die unerträgliche Leichtigkeit eines unbeschwerten Seins, das sie nicht länger ertrugen. Es war eben hart eigentlich Alles, nur keine wirklichen Probleme in seinem Leben zu haben. Dazu noch genug Zeit um sich eigene, völlig nichtige Probleme zu schaffen und Gründe zu suchen, warum das Leben gerade jetzt mal wieder nicht lebenswert war. Meist war es das Schlechte der Welt das völlig unerträglich war, eine Welt so schlecht dass eine Schlechtere gar nicht mehr denkbar erschien. Durch den zunehmend vorherrschenden Atheismus blieb dann auch noch der Sinn der Existenz auf der Strecke und natürlich das Nachleben, dass in jeder Religion den wahrscheinlich wichtigsten Stellenwert überhaupt einnimmt. Paradox, wenn man bedenkt dass bereits das erste Leben dem Menschen so furchtbar erscheint und sie dennoch nach einem Weiteren trachten.

Das Schlechte, die Unerträglichkeit und die Sinnlosigkeit die die Menschen in ihrer Welt sahen, war seiner Meinung nach Nichts als eine Folge eines zu guten Lebens. Es ging den Menschen schlichtweg zu gut, ein Zustand der eine der größten Bedrohungen für eine Zivilisation überhaupt darstellen konnte. Die Menschen lebten im Wohlstand, selbst die unter ihnen die als Arm galten schwelgten im Grunde im Luxus, Gefühle von Hunger oder Durst waren ihnen Fremd geworden und keiner hatte noch unter wirklichen Existenzängsten zu leiden. Aber der Mensch brauchte Probleme und Sorgen, sie waren ganz einfach essentiell für sein Wohlbefinden. Er brauchte den Drang mit seiner Umgebung und seiner Welt unzufrieden zu sein und umso perfekter, umso besser seine Welt sein würde, umso mehr Schlechtes würde er in ihr sehen. Wahrscheinlich würden sie sich allesamt Besser fühlen, wenn es ihnen nur etwas Schlechter ginge.

Vielleicht kam den Menschen auch einfach nur ihre Fähigkeit zur Selbsttäuschung abhanden, die unglaubliche Macht sich selbst erfolgreich belügen zu können, bis man willens war zu glauben, was immer man glauben wollte. Den Glauben daran mit seinem Leben zufrieden zu sein, den Glauben an die Schönheit der Welt oder einfach den Glauben an einen Sinn hinter allen Dingen.

Er wusste nicht welche der zahllosen Möglichkeiten, der zahllosen Gründe für eine Beendigung der Existenz das eigenwillige und bis vor kurzem sicher rebellische junge Mädchen gewählt hatte, dessen zerschmetterter und blutiger Körper jetzt sein Auto zierte und im Grunde war es ihm auch völlig egal. Man würde ihre blutigen Überreste von seinem Wagen kratzen und aller Wahrscheinlichkeit nach dem allgegenwärtigen Recyclingprozess zuführen oder ihre verbrannten Überreste, wie in seltenen Fällen noch immer üblich, in einem der endlosen Verwahrungsgänge für eine gefühlte Ewigkeit konservieren. Die Wenigen, denen das Mädchen in dieser zunehmend gefühlskalten Welt vielleicht Etwas bedeutet haben mochte, würden eine Weile um sie trauern und für Diejenigen die ihrem Tod hier unfreiwillig beigewohnt hatten würde sie in Vergessenheit geraten sein, sobald der nächste Selbstmörder, in wahrscheinlich nur wenigen Minuten, auf diese oder eine andere Strasse krachen würde. Die Welt, die Allgemeinheit selbst, konnte sie nicht vergessen, denn sie hatte sie niemals gekannt. Wahrscheinlich würde sie in seinem Kopf sogar am Längsten weiterleben, solange bis sein Sportwagen repariert und wieder fahrtüchtig sein würde.


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14.7.08 05:24


Unbedeutendes Fragment Nr. 4 (1. Entwurf)

Einzelne Strahlen der immer seltener sichtbaren Nachmittagssonne stachen durch das ewige Grau der nebelhaften Dunstglocke und tauchten Teile der betonierten Außenwelt in helles, unnatürlich wirkendes Licht. Die ungewohnte Helligkeit wurde von den verspiegelten Fassaden, metallenen Werbetafeln und zahllosen Videokleidern der Passanten reflektiert und verwandelte die Szenerie vor dem verglasten Café in ein strahlendes, für seine von der Dunkelheit verwöhnten Augen schmerzhaftes Zwielicht. Die Sekundenbruchteile, die die Sensoren seiner Brille benötigten um den Helligkeitsanstieg zu registrieren und eine stärkere Tönung zu veranlassen, reichten aus um ihm Tränen in die Augen zu treiben und bunte Schlieren auf seiner Netzhaut tanzen zu lassen.

Verärgert durch den unerwarteten Angriff der großen Lebensspenderin schloss er die Augen und kämpfte seinen wiedererwachenden Selbsthass in die Abgründe seines Unterbewusstseins zurück, in das er seit gefühlten Ewigkeiten sämtliche Emotionen zu verdrängen pflegte. Erst nachdem der stechende Schmerz hinter seinen Lidern versiegt war, öffnete er seine Augen erneut und schüttelte mit zitternden Händen eine seiner Zigaretten aus der formfesten Leichtmetallverpackung. Die verstörende Unruhe, die seinen ganzen Körper wie eine eisige Klaue umschloss offenbarte sich in erschreckender Weise in der mangelnden Kontrolle über seine eigene Hand, mit der er zweimal vergeblich versuchte die ersehnte Zigarette zu seinen zuckenden Lippen zu führen. Erst als er an dem vertrauten Kunststofffilter zog, sich die Zigarette mit einem leisen Knistern entzündete und der aromatische Rauch tief in seine bereits vor lauter Vorfreude jubelnde Lunge drang, begann seine Anspannung langsam nachzulassen.

Amphetamin, Fentanyl, Venlafaxin und zahllose andere, teilweise namenlosen chemischen Beigaben setzten zusammen mit dem Nikotin ihre Wirkung in seinem Körper frei, manipulierten sein zentrales Nervensystem, beruhigten seinen unregelmäßigen Herzschlag, entspannten seine verkrampften Glieder und ließen ein leichtes Gefühl der Zufriedenheit gegen die Wellen von Zweifeln antreten, die sein Denken dominierten. Der ebenso symbolische wie aussichtslose Kampf gegen Windmühlen, Nichts und Niemand war fähig das grenzenlose Chaos in seinem Kopf auch nur ansatzweise zu schlichten. Er war sich jedoch auch unsicher wie sich sein Zustand ohne den regelmäßigen Konsum der rezeptfrei erhältlichen Zigaretten verändern würde und zumindest unterdrückte die Wirkung das bereits chronische Zittern seiner knochig gewordenen Glieder.

'Es ist Alles nur in Deinem Kopf', wiederholte er in Gedanken die Worte seines Therapeuten, 'Kontrolliere Dein Denken und Du kontrollierst Deine Gefühle, Dein Leben und Dein Glück'. Unwillkürlich zeichnete sich ein sarkastisches Lächeln auf seinem, durch die Medikamente in eine regungslose Maske verwandeltem Gesicht ab. Natürlich, dachte er, sich glücklich denken hatte schon immer ausgezeichnet funktioniert. Bei den seelenlosen Menschen die genug Ausdauer und Naivität besaßen um sich so lange selbst zu belügen, bis ihre Lügen für sie tatsächlich wahr geworden waren. Bis sie in ihrer selbst erschaffenen Illusion glücklich wurden.

Er hasste sie. Für die regenbogenfarbenen Brillengläser, die sie trugen und die ihre Sicht der Welt von sämtlichen lästigen Störfaktoren befreit hatte. Für die grenzenlose Ignoranz, die ihnen erlaubte die unübersehbare Wahrheit vollkommen zu ignorieren. Für ihr Glück, das sie mit ihrem dümmlichen und offenherzigen Lächeln in die Welt hinaus zu schreien schienen. Er hasste sie von ganzem Herzen.

Langsam ließ er seinen Blick durch die Glasfassade und über die ohne erkennbares Muster durcheinander treibenden Menschen gleiten. Durch die Fülle der Käufer, die sich zu dieser Zeit des Tages durch die Einkaufstrasse drängten und ihr durchweg extrovertiertes und individuelles Auftreten, dass sie auf unbeschreibliche Weise fast uniform wirken ließ, erinnerte ihn der Anblick an das immer wiederkehrende Spiel von Wellen in Küstennähe, wie er sie aus alten Fernsehsendungen kannte. Unruhig, unvorhersehbar und zutiefst verstörend. Für einen kurzen Augenblick verspürte er einen Anflug von Mitleid für die zahllosen Passanten, die in für sie wahrscheinlich ungemein wichtigen Angelegenheiten und Besorgungen vertieft waren. Jeder von ihnen war zweifelsfrei das Zentrum seiner eigenen Welt. Welten mit spärlichen Verbindungen zu den Welten Anderer, die insgeheim Niemand von ihnen jemals als wahrhaft Existent akzeptieren würde. Keiner von Ihnen ahnte die Nichtigkeit, Bedeutungslosigkeit und Unnötigkeit ihres eigenen Lebens. Die mangelnde Zeit die ihre hedonistische Lebenseinstellungen ihnen ließ, die Wahrheiten die ihnen sämtliche Medien diktierten und das Glück dass sie sich ständig selbst einredeten verhinderte jedweden Blick hinter den Schleier ihrer Illusionen. Und dafür beneidete er diese Statisten fast ebenso wie er sie verachtete, sie hasste.

Noch ein letztes Mal dachte er an ihre wunderschönen, strahlenden Augen. Ihr engelsgleiches, glänzendes Haar. Ihr liebevolles Lächeln. So wie es gewesen war. So wie er sich daran erinnern wollte. Dann stand er auf, griff nach dem schweren, mit Isotopensprengstoff gefüllten Metallkoffer und begab sich langsamen Schrittes durch den Ausgang in das Gedränge der jetzt wieder von der ewigen Dunstglocke verdunkelten Einkaufsstrasse hinaus.


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17.12.08 04:44


Traumfragment einer nahezu schlaflosen Nacht


Die Wolken waren in stetiger, unruhiger Bewegung, ballten sich zusammen, umflossen und vereinigten sich in einem verwaschenen Gemälde dunkler Grautöne. Ferner Donner grollte heran, schien das Liebespiel der Wolken zu bescheunigen und den Regen zu Höchstleistungen zu motivieren. Ein zunehmend düsterer Nachmittag, der die Sonne langsam zu einem wagen Objekt der Erinnerung degradierte.

Er ließ seinen Blick über die nassen Häuserfassaden, die lichtlosen Fenster und die in sauberen Reihen geparkten Fahrzeuge gleiten. Alles wirkte so, wie es sein sollte und dennoch vollkommen falsch. Kein Wagen fuhr die verregnete Strasse entlang, keine Menschenseele lief über die mit Pfützen übersäten Bordsteine und suchte Zuflucht in einem der erhöhten Hauseingänge. Kein Licht fiel aus den zahllosen Fenstern auf die Strasse und keine fernen Geräusche waren durch den prasselnden Regen zu vernehmen. Alles wirkte leer und verlassen. Der nicht endende Niederschlag wusch den Unrat und die letzten Spuren der Menschen von den Strassen, nur ihre symmetrische Wohneinheiten und ihre farbenfrohen und dennoch trist wirkenden Fahrzeuge verweilten, Denkmäler einer vergangenen Zeit.

Seine Kleidung war durchnässt und klebte kalt und unangenehm an seinem Körper, die einzelnen Wassertropfen die sich von den nassen Strähnen seiner Haare lösten und ihren Weg über sein Gesicht suchten, vermischten sich mit dem Regen, der ihm entgegenschlug. Sein Körper zitterte vor Kälte während seine Beine ohne sein Zutun ihren langsamen Gang durch die wassergetränkte Welt fortsetzten und ihn tiefer in die Einsamkeit der Stadt trugen.

Eine einzelne, flackernde Straßenlaterne erhellte die Dunkelheit vor dem riesigen Finanzgebäude und tauchte den mit blätterlosen Bäumen und Sträuchern flankierten Platz in ein wechselndes Zwielicht der Schatten. Schatten die namenlose und unbeschreibliche Schrecken verbergen mochten und er wünschte sich, es wäre so. Die Marmorfassade und der prunkvolle, mit Säulen geschmückte Eingang dieses Tempels der modernen Welt erstrahlten in dem unregelmäßig aufblendenden Licht der Laterne, die den breiten Eingang seltsam verheißungsvoll erscheinen ließ. Ein Ort strahlender Reinheit und belangloser Sicherheit, der ein Leben und eine Hoffnung versprach, die längst vergangen waren.

Ohne Ziel setzte er seinen Weg fort, durch die sich immer mehr in Bäche verwandelnden Strassen und an endlosen Reihen herrenloser Immobilen und unerfüllter Träume entlang. Trauer und Entbehrung, Leid und Angst hatten schließlich ein Ende gefunden. Die Qual und der Schmerz waren versiegt, ebenso wie falsche Hoffnungen und kreierter Sinn. Geblieben war nur er oder dass was von ihm verblieben war.

Er war Allein. Aber im Grunde war er das immer gewesen.

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25.6.08 04:30


Sand - Teil 1 (1. Entwurf)

Der Skorpion hob sich trotz der Sandwehen deutlich von der rauen Ebene und den scharfkantigen Sandsteinformationen ab, in deren Windschatten er vollkommen regungslos verharrte. Die sengende Mittagsonne, die wie eine gigantisches rotes Flutlicht den Himmel dominierte und deren gleißende Helligkeit die Sicht auf die zwei kleinen Monde gänzlich verschluckte die sich ebenfalls am Himmel hätten zeigen sollen, brannte auf den schwarzen, deutlich segmentierten Körper herab. Man hätte das Tier für Tod halten können und wahrscheinlich hätte nicht einmal ein fortgeschrittener Bioscanner bei diesen Temperaturen ein Lebenszeichen unter der Chitinpanzerung wahrnehmen können.

Er wirkte ohnehin in vielerlei Hinsicht vollkommen fehl am Platze. Als Kulturfolger hätte der Skorpion sich in der Nähe menschlicher Behausungen aufhalten sollen und nicht so weit abseits jeglicher von Menschen besiedelten Gebiete. Und selbst für ein Lebewesen, dass im Extremfall gar mehrere Jahre ohne Nahrungszufuhr auszukommen vermag, sollte die karge Umgebung der Steppe kaum nennenswerte Beute zu bieten haben. Ganz abgesehen davon, dass der Nutzen und die Existenzberechtigung eines Skorpions in einem künstlichen, ausschließlich auf den Menschen ausgelegtem Ökosystem mehr als fraglich erschien. Letztlich musste es jedoch eine rationale Erklärung geben, warum auch diese Spezies im Rahmen der Kolonisierung und der, aus einer nachvollziehbaren Kosten-Nutzenrechnung niemals zu Ende geführten Terraformung, in diese Welt importiert worden war. Selbst wenn es nur die fragwürdige Laune eines der verantwortlichen Biodesigner gewesen war.

Niemals hatte ein menschliches Auge den über den flachen Körper erhobenen Schwanz mit ihrem fast schon künstlerisch anmutendem Muster, die in einer scheinbar ständigen Drohhaltung erhobenen und im Vergleich zum Körper riesenhaften Scherenbeine oder die glatte, nichtssagende Oberfläche der dunklen Augen dieser Kreatur erblickt. Ebenso wie Niemand sie sterben sah, oder ihr Sterben auch nur registrierte. Als die flexible Kunststoffsohle des leichten Kampfstiefels, der aufgrund seiner Färbung sehr viel besser in die Umgebung zu passen schien, die Panzerung des Tieres zerquetschte und das weiche Innere aus der geborstenen schwarzen Schale drückte, gab es ein langgezogenes, knackendes Geräusch. Doch auch dieses Geräusch wurde von Niemandem wahrgenommen, außer vielleicht von dem Skorpion selbst.

Das ohrenbetäubende Hämmern ihres eigenen Herzschlages und das wimmernde Geheule des ewig währenden Windes verschluckten alle anderen Geräusche, die die Stiefelträgerin sonst vielleicht hätte hören können. Ihre schnellen Schritte unter der gnadenlosen Sonne, die den überwiegenden Teil des unfertig wirkenden und stets wolkenlosen Himmels in ein von Schlieren durchzogenes Orange verwandelte, wirkten sicher und erfahren, doch sah man ihnen das Maß der Erschöpfung an, unter dem sie mehr und mehr zu leiden schien. Der Schweiß, der ihr über die nicht von der geschlossenen, dunkel getönten Brille bedeckten Teil ihres Gesichtes lief, verband sich mit dem feinkörnigen Sand, den der unbarmherzig über die Steppe peitschende Wind in immer stärkeren Böen heranwehte zu einer unregelmäßigen Kruste, die ihre Gesichtszüge in eine groteske Maske verwandelte. Ihr leichter Chamäleonkampfanzug, dessen Antihaftbeschichtung im Gegensatz zu ihrem Gesicht und ihren Händen jeglichem Sand den Halt verweigerte, versuchte unentwegt sich dem Hintergrund anzupassen, scheiterte jedoch kläglich an den unregelmäßigen Sandschlieren, die in Bodennähe durch die Umgebung jagten.

Zunehmend schwanden ihre Sinne. Die immer unerträglichere Hitze, die Entbehrungen der letzten Stunden die sie ohne eine Rast oder auch nur ein Innehalten gerannt war und nicht zuletzt die Verletzung an ihrer Hüfte, wo das Schrapnellgeschoss sie getroffen hatte, ihren Kampfanzug wie Butter durchschnitten hatte und tief in ihr Fleisch gedrungen war, forderten ihren Tribut. Obwohl sie ihre verkrusteten Lippen mit aller Kraft zusammenpresste, schien der Sand, der sich unaufhaltsam in ihren Mund und ihre Nase presste und sich bis hinab in die Tiefen ihres Halses vorgearbeitet hatte, sie zugleich auszutrocknen und ersticken zu wollen. Routiniert fanden ihre Beine bei jedem Kontakt mit dem durch das Sandwehen nur teilweise sichtbaren Boden halt und die passiven Servosysteme der Stiefel und des Kampfanzuges halfen ihr weiterhin die Kraft für die schnellen und weit ausholenden Schritte aufzubringen, doch wusste sie dass ihr wahrscheinlich nur noch wenige Minuten bleiben würden bis sie vor Erschöpfung zusammenbrechen würde. Wenn nicht ein unglückliches Aufkommen auf dem vor ihren Augen verschwimmenden, immer unregelmäßigerem Felsboden ihr einen Fall oder gar einen Bruch bescheren würde, der ihrer Flucht ein noch schnelleres Ende bereiten würde.

Doch an Aufgeben war nicht zu denken. Eher Ersticken, Verdursten oder vor Erschöpfung zu Grunde gehen als ihren Häschern in die Hände zu fallen. Ihrem umbändigen Zorn, ihrer beispiellosen Grausamkeit und ihrem unerschütterlichen Glauben. Und der Gedanke, sie hätten ihre Suche, ihre Jagd nach ihr vielleicht bereits aufgegeben, war geradezu lachhaft. Fanatiker gaben nicht auf. Es war die Mischung aus der festen Überzeugung, dass ihr Herr sie niemals würde scheitern lassen und der Angst Denselbigen enttäuschen zu können. Die Kraft des Glaubens. Die schier grenzenlose Willenstärke die nur eine noch grenzenlosere Naivität verleihen kann.

Sie spürte deutlich wie die letzten Reserven ihrer Kraft von ihr wichen, ihre Anfangs festen Schritten und Sprünge mehr und mehr zu einem trunkenen Stolpern wurden und wie die Sicht auf das verwaschene Inferno aus wehendem Sand unter einer gleißenden roten Sonne zu einem Strudel greller Farben degradiert wurde. Die kläglichen Versuche nach Atem zu ringen wurden von Mal zu Mal schmerzhafter und beförderten nur noch mehr Sand in ihre scheinbar aus Sandpapier bestehenden Atemwege.

Nicht so. Nicht auf diese Art. Ihre eigenen Gedanken hallten wie die Schreie einer Fremden durch ihren Kopf. Die Gefahr, dass sie vielleicht nicht sterben würde, sondern von ihren Verfolgern gefunden und am Leben erhalten wurde, nur um ihr Leben zu etwas Schlimmeren als den Tod werden zu lassen, war zu hoch. Noch immer vorwärts taumelnd und mit unkoordinierten Bewegungen tastete ihre sandverkrustete Hand nach der kleinen, vollautomatischen Gausspistole an ihrem Multifunktionsgürtel. Lieber jagte sie sich selber ein Hochgeschwindigkeitsprojektil durch den Kopf, lieber beendete sie ihr nichtswürdiges Leben selbst, als in die Welt der Schmerzen einzutreten, welche diese Fanatiker ihr zeigen würden. Wie von selbst schien sich ihr Arm zu bewegen, hob die zierliche Waffe und richtete sie auf die Seite ihres Kopfes, als…

Der nächste Schritt ging ins Leere. Wie in einer nicht zu stoppenden Routine setzten ihre Beine die jetzt sinnlosen Laufbewegungen fort, während die Schwerkraft sie wie die Faust eines Riesen packte und sie in die sandumwehte Dunkelheit hinab riss.


Teil 2

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11.2.09 04:13


Sand - Teil 2 (1. Entwurf)

Drei Heiligen gleich bewegten sich die Gotteskrieger über die verdorrte Felslandschaft, die sichtraubenden Sandwehen teilten sich respektvoll vor ihren Schritten, wichen ehrfürchtig vor ihnen zurück um sich wenige Meter hinter ihnen in zahllosen kleinen Wirbeln wieder zu verbinden. Die gnadenlosen Strahlen der roten Sonne und die Schwingungen des Überdruckfeldes, das den Sand zurückdrängte und in seine Schranken verwies, erzeugten ein so starkes Hitzeflimmern über dem Boden um sie herum, dass die in den einfachen grauen Kutten gekleideten Gestalten einem Beobachter verschwommen und unscharf erscheinen würden, ihnen zugleich jedoch ein beinahe prophetisches Auftreten verliehen. Die einfache Leinenkutten deren tiefe, ins Gesicht hängenden Kapuzen ihre Gesichter fast gänzlich verbargen, die groben Hanfseile die ihnen als Gürtel dienten und die offenen Sandalen die sie trugen standen im extremen Kontrast zu den martialisch anmutenden Schrapnellgewehren die zwei von ihnen in Händen hielten und dem länglichen Feldgenerator, mit dem der Dritte den Sand vor ihnen teilte.

Die harten, unter der Kapuze des Anführers verborgenen Augen glitten langsam und aufmerksam über die kargen Felsen und die von der Sonne verbrannte Steppe, die ihnen die zurückweichenden Sandwehen offenbarten. Die Sicht endete jedoch einige Meter um sie herum gänzlich, da sich am Rande des Überdruckfeldes zahllose kleine Sandwirbel bildeten, als sei der Sand unschlüssig in welche Richtung er jetzt wehen sollte, wo ihm seine ursprüngliche Wunschrichtung verwehrt blieb und er Stück für Stück von einer unsichtbaren Kraft zurückgedrängt wurde. Kein noch so kleines Detail entging seinem scharfen Blick, doch gab es außer dem zerfurchtetem Boden, den von den nächtlichen Sandstürmen glatt geschliffenen und grotesk anmutenden Felsformationen, sowie dem herumliegendem Geröll nichts Interessantes zu erblicken. Sämtliche Spuren, die die Flüchtige hinterlassen haben könnte wären von dem allgegenwärtigen Wind längst verweht worden, spätestens der Druck der ozongeschwängerten Luftblase, in deren Mitte sie sich im Gleichschritt bewegten, hätte sie verwischt.

Dennoch hatte der Anführer keinen Zweifel daran, dass die Ketzerin gefunden werden würde. Entweder von ihnen oder von einem der anderen Suchtrupps die der Kardinal ausgesandt hatte. Gott war auf ihrer Seite und wer wahren Glaubens und reinen Herzens ist, wird die Prüfungen die man ihm auferlegt bestehen. Und diese Frau würde für den Frevel den sie begangen hatte bezahlen. Ein Tod in der Steppe, wo die nächtlichen Stürme ihr das Fleisch von ihrem unkeuschen Körper reißen und ihre bis ins Mark verdorbenen Knochen zermahlen, wo sie eins mit dem Sand werden würde, war bei Weitem zu gut für sie. Nur die Reinheit des reinigenden Schmerzes konnte ihre verkommen Seele noch retten, sollte zugleich ihre Bestrafung wie die Erlösung für ihre Sünden sein. Ihr Schicksal und das der anderen Ungläubigen, die sie bei ihrer frevelhaften Tat unterstützt hatten, würden zu einem Mahnmal des Glaubens und zu einem Exempel für Alle werden, die seine göttlichen Gesetze missachteten und seinen heiligen Boden besudelten.

Er spürte wie ihn ein unbändiger Zorn zu erfassen drohte und schnell tadelte er sich selbst in Gedanken und versuchte seinen Geist von den niederen Gefühlen zu befreien, die danach trachteten sein Denken und seine unsterbliche Seele zu vergiften. Wut oder gar Hass waren Verleitungen des Leibhaftigen, versuchten seine Reinheit zu besudeln und seinen Glauben ins Wanken zu bringen. Er besann sich auf die Lehren und Verheißungen Gottes und drängte die Einflüsterungen des Teufels zurück, zerstreute sie in alle Winde wie das Überdruckfeld den Sand. Diese Frau verdiente seinen Zorn nicht, sie verdiente sein Mitleid. Kein Mitleid für die gerechte Bestrafung und der schmerzerfüllten Zukunft die sie erwarten würde, sondern Mitleid für die Schwäche ihres sündhaften Geistes, für die teuflischen Verlockungen denen sie erlegen war und ihre Unfähigkeit Gottes Reinheit und Wohlwollen zu erkennen. Sie waren hier um diese Ketzerin zu erretten. Sie und ihre unsterbliche Seele, im Namen Gottes.

Als wäre die Reinheit seines Geistes für die Schärfe seiner Augen erforderlich gewesen, fiel sein Blick auf eine winzige Unregelmäßigkeit in der von Gelb- und Orangetönen gänzlich dominierten Felslandschaft. Schlagartig änderte er die Richtung und mit weit ausholenden Schritten marschierte er zu der kaum wahrnehmbaren Kleinigkeit, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Wortlos folgten seine stummen Begleiter, auf deren sichtbaren Teil ihrer Gesichter sicht nicht die geringste Regung auszumachen war seinem Weg. Neben seinem Ziel ließ er sich mit einem Knie auf den heißen Boden herab und betrachtete seinen Fund. Es waren die Überreste eines Skorpions, einer niederen, gänzlich gottlosen Kreatur. Das schwarze Tier war zerquetscht worden, sein Inneres teilweise herausgequollen. Die Sonneneinstrahlung hatte die die weiche Masse an der gebrochenen Panzerung und dem Erdboden festgebacken, was zweifellos der Grund gewesen war, das ihr Überdruckfeld die Überreste des unwürdigen Lebewesens nicht mit dem Sand fortgeweht hatte.

Zweifellos ein Zeichen Gottes, der die Schritte der Ketzerin ausgerechnet auf die gottlose Kreatur gelenkt hatte um so eine deutlich sichtbare Spur zu hinterlassen und ihnen den Weg zu weisen. Er richtete den Blick gen Himmel, so dass sein bärtiges, hart geschnittenes Gesicht unter der Kapuze sichtbar wurde und sprach in Gedanken ein schnelles Dankgebet. Er gab seinen Begleitern ein Zeichen und zog eine längliche Vibroklinge unter seiner Kutte hervor. Sie waren auf dem richtigen Weg.


Teil 3

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12.2.09 04:58


Sand - Teil 3 (1. Entwurf)

Die Bilder wirkten unscharf und körnig wie der allgegenwärtige Sand und zogen seltsame, beinahe flüssig erscheinende Schlieren hinter sich her, die auf seltsame Art und Weise einfach Falsch wirkten. Als seien sie nicht dem normalen Farbspektrum zuzuordnen und deren zu eingehende Betrachtung zu schmerzenden Augen und Schwindel führen würde. Die Geschwindigkeit, in der sich die erlebten Schrecken wiederholten schien undefinierbar zu sein. Mal prasselten die Eindrücke in so unglaublich rascher Folge auf sie ein, dass sie den Geschehnissen kaum folgen konnte, mal zogen sie sich zäh und wie in einer maßlos übertriebenen Zeitlupe dahin. Dies traf vor Allem auf die Bilder zu, von denen sie gehofft hatte, sie nie wieder sehen zu müssen. Und von denen sie wusste dass sie sie bis an Ende ihrer Tage verfolgen würden.

In verzerrter Darstellung und trotzdem in einer erschreckenden Klarheit sah sie wie der fast schon altertümlich anmutende Deckengeschützturm mit grausamer Effizienz einen Feuerstoß nach dem Anderen abfeuerte und die Stahldornprojektile ihre Kameraden in blutige Stücke riss. Sie sah wie der grobe, orangefarbene Flammenstrahl der Energiewaffe das Bein und Teile des Unterkörpers ihres Geliebten in Sekundenbruchteilen zerfraß und in Asche verwandelte, die noch durch die Luft rieselte als die verbleibenden Reste seines Körpers längst zappelnd auf den mit Sand bedeckten Hallenboden aufgeschlagen waren. Sie roch sein verbranntes Fleisch, hörte seine gequältes, an ein Kind erinnerndes Wimmern und sah den schmerzerfüllten, verzweifelten Ausdruck in seinen Augen, als er sah dass sie ohne innezuhalten weiter rannte. Sie sah…

Der Elektroschock, der zeitgleich mit der automatischen Injektion durch die Notfallsysteme ihres Kampfanzuges erfolgte, riss sie fort von den unerwünschten Bildern und hinein in eine Welt der Schmerzen. Sie japste nach Atem und konnte durch ihre sandverkrusteten Atemwege gerade genug Luft in ihre Lungen ziehen um einen gequälten Würgelaut von sich zu geben. Der Schmerz in ihrer verletzten Hüfte trieb ihr Tränen in die Augen, die schmerzstillende Wirkung des Gefechtsverbandes schien seine Wirkung eingestellt zu haben und das scharfkantige Schrapnell, das noch immer tief in ihrem Fleisch saß brachte sich in ihre Erinnerung zurück. Sie versuchte die grausamen Qualen zu ignorieren und tastete, noch immer um Luft ringend und mit zitternden, schwer zu koordinierenden Bewegungen nach einem der in die Oberschenkel ihres Anzugs integrierten Wasserkissen.

Die Innenseite des enganliegenden, leichten Kampfanzuges sammelte jeden Tropfen Körperflüssigkeit derer er habhaft werden konnte, sei es Schweiß, Urin oder gar Blut, filterte es mehrfach und lagerte es in die zugehörigen Sammelkissen. In einer Welt aus Sand und Gestein unter einer gnadenlosen Sonne, einer Welt im Grunde gänzlich ohne ein nennenswertes Gewässer in der es Niemals geregnet hatte oder regnen würde, war das Sparen von Wasser zu einer lebenswichtigen Notwendigkeit geworden. Zumindest für das einfache Volk abseits der prunkvollen Siedlungen der Industrielords, in denen es weder Zugang zur künstlichen Wassererzeugung gab, noch das Leben in Übermaß und Verschwendung zum guten Ton gehörte.

Begierig und doch langsam und sparsam trank sie die lauwarme Flüssigkeit aus dem dünnen, durchsichtigen Schlauch der zu dem System der Wasserkissen gehörte. Sie ignorierte die nicht unerhebliche Menge des jetzt schlammig gewordenen Sandes aus ihrem Mund, den sie mit jedem einzelnen Schluck mit herunterspülte. Ein sandiger Magen sollte ihr kleines Problem sein. Jetzt, durch ihre zumindest teilweise befreiten Atemwege ruhiger atmend lag sie still da, noch immer mit geschlossenen Augen und versuchte mit allen Mitteln den brennenden Schmerz in ihrer Hüfte zu ignorieren. Nur zögerlich setze die Wirkung des biochemischen Cocktails ein, den die medizinischen Notfallsysteme des Anzugs ihr injiziert hatten, nachdem die Messungen ihrer Biowerte ein baldiges Ende ihrer Lebensfähigkeit registriert hatten.

Adrenalin, Amphetamin, neuronale Botenstoffe und Dutzende von anderen Zutaten, die selbst die wenigsten gut ausgebildeten Mediziner jemals allesamt kennen würden. Innerhalb von Sekunden wurde der gesamte Kreislauf auf Hochtouren geschraubt, ihr Herzschlag enorm beschleunigt und dem Körper wurde vorgetäuscht auf Energiereserven zurückzugreifen, die Niemals vorhanden waren. Fast schlagartig durchflutete die Wirkung der Designerdrogen ihren Kopf, die Müdigkeit fiel von ihr ab und die Schmerzen in ihrer Hüfte schrumpften auf ein erträgliches Maß herab. Als Nebenwirkung ergriff eine gewisse Taubheit von ihr Besitz, Wahrnehmung von Wärme und Kälte verloren sich in der Unendlichkeit und das erschreckende Gefühl auf seltsame Weise fremd im eigenen Körper zu sein erfasste sie.

Der Einsatz solcher Notfalldrogencocktails, die für das Militär entwickelt wurden um Soldaten die Chance zu geben bis zum Eintreffen einer Sanitäters zu überleben oder zumindest noch ein paar Feinde mit in den Tod zu reißen, war alles Andere als Gesund. Die Folgen des Konsums der teilweise experimentellen chemischen Stoffe und das Ausmaß der Wechselwirkungen einer solchen Menge verschiedener Zutaten konnten drastisch sein und es hatte Testpersonen gegeben, die sich Niemals gänzlich von diesem Trip erholt hatte. Besser als zu sterben. Sie wusste nicht ob es an der Wirkung der Drogen auf ihr Denken lag, dass ihr jetzt Rational, Kontrolliert und Gefühlskalt erschien, doch von dem Wunsch zu sterben hatte sie sich weit entfernt.

Langsam öffnete sie ihre verklebten Augen und wischte den Sand fort, der teilweise das Sichtfeld ihrer Brille bedeckte. Dunkelheit. Mit ihrer rechten Hand, deren Bewegungen jetzt nicht mehr zitternd und fahrig waren, veränderte sie den Tönungsgrad der Brille und deaktivierte in letztlich ganz. Über ihr drang nur von einer Seite rotes Sonnenlicht in das Gewölbe, in das sie offensichtlich gefallen war, das immer wieder von einzelnen Sandwehen gemildert wurde, die den breiten Spalt über ihr passierten. Sie lag im Schatten, fast 10 Meter unter einer gegossenen Plastbetondecke, an der noch die Aufhängungen der ehemals wahrscheinlich zahllosen Metallverstrebungen zu erkennen waren, die für alte Industriebetriebe obligatorisch waren. Sie lag auf einer Schräge aus Sand, die sie herunter gerollt sein musste nachdem ihre Flucht im Sturz geendet hatte.

Vorsichtig setzte sie sich auf und unterzog ihre Umgebung einer genaueren Betrachtung. Eine dunkle, langgezogene Halle, deren Leere an Dutzenden von Stellen durch Schrägen und flachen Pyramiden aus Sand unterbrochen wurde, der eingedrungen sein musste als die in solchen Komplexen allgegenwärtigen Überdruckanlagen beim Verlassen dieser Einrichtung entfernt wurden. Offensichtlich war, wie es auf dieser Welt gang und gäbe war, Alles von Wert ordnungsgemäß entfernt worden, jedes zusammenhängende Stück Plastmetall war sicher längst für einen anderen Zweck eingesetzt worden. Ihres Wissens nach wurden die letzten Minenbetriebe in der Steppe bereits vor mehr als 40 Jahren eingestellt worden, einige von ihnen bereits ein Jahrzehnt zuvor. Dies war zugleich der letzte Beweis gewesen den die Konzernaristokratie gebraucht hatte, um sich entgültig einzugestehen, was im Grunde jeder schon länger wusste. Dass diese ganze Welt ein Fehler gewesen war.

Mit einem klickenden Geräusch löste sie die Gefechtsbrille aus ihrer Halterung und ließ ihre tiefgrünen und von einem verkrusteten Rand umgebenen Augen zum Vorschein kommen. Die Wirkung der Drogen hatte ihre Pupillen zu nicht mehr als einem Punkt zusammenschrumpfen lassen und das Weiße ihrer Augen einen reflektierenden, glasigen Schein annehmen lassen. Sie aktivierte die medizinischen Sensoren der Brillen und ließ sie langsam über den Gefechtsverband an ihrer Hüfte gleiten. Der medizinische Schnellreport der wenigen Sekunden auf dem Display der Brille angezeigt wurde, offenbarte ihr was sie bereits befürchtet hatte. Das Schrapnell hatte sich verformt, fügte dem umliegenden Gewebe fortlaufend Schaden zu und war ohne grundlegende medizinische Ausrüstung nicht zu entfernen. Zumindest die lähmende Wirkung des beigefügten Giftcocktails hatte der Gefechtsverband neutralisieren können.

Langsam erhob sie sich aus ihrer liegenden Position und begann mit der oberflächlichen Überprüfung ihrer Gliedmaßen. Soweit sie es durch die von der Drogeninjektion hervorgerufene Unempfindlichkeit ihres Körpers feststellen konnte, hatte sie keinerlei Verletzungen die über einfache Prellungen hinausgingen erlitten. Sie stand auf und streckte ihre Glieder, die allesamt funktionstüchtig erschienen, auch wenn sie im ersten Moment gänzlich gefühllos erschienen. Sie nahm sich die Zeit den Sand aus ihrem fein geschnittenen und von den erlittenen Strapazen gezeichneten Gesichtes zu wischen, streifte die im Anzug integrierte Kapuze ab und strich sich durch ihr kurzes, dunkelblaues Haar. Schnell und routiniert überprüfte sie ihre spärliche Ausrüstung und stellte fest, dass sie ihr Gausspistole nicht in der vorgesehenen Haltevorrichtung steckte. Schlagartig fiel ihr der Grund für das Fehlen der Waffe ein und ein kurzes Schaudern durchzuckte sie, als die Erkenntnis sie einholte, was sie vorgehabt hatte zu tun und um ein Haar auch getan hatte.

Sie ließ ihren Blick über die gewaltige Sandschräge gleiten, über die ständig neuer, feinkörniger Sand seinen Weg in die Tiefe fand. Sie fluchte in sich hinein, normalerweise wäre ihre Gefechtsbrille in der Lage gewesen, die elektrischen Spulen im Inneren der Waffe auch durch eine gewisse Schicht Sand hindurch orten zu können, hätte es sich bei ihrer Gausspistole nicht um eine Waffe gehandelt, bei der dies gezielt verhindert wurde. Selbst moderne Waffenscanner konnten dieses kleine, technische Wunderwerk nicht orten, was der Grund war warum sie in den letzten Jahren so unglaublich wertvoll für sie geworden war. Und was der Grund war, warum sie sie jetzt für immer verloren hatte.

Ihr Blick glitt hinauf zu dem breiten Spalt durch den noch immer der Rot lodernde Feuerball am Himmel zu sehen war und schätzte die Zeit ab, die sie ohne Bewusstsein gewesen war. Zwei Stunden, vielleicht etwas weniger. Es war jetzt früher Nachmittag, es würden nur noch wenige Stunden vergehen, bis die Sonne hinter den Bergen versinken würde und die kalten Stürme die Herrschaft über das Land wieder an sich reißen würden. Genug Zeit für ihre Verfolger sie und diesen Ort zu finden.

Sie klickte ihre Gefechtsbrille wieder in ihre Halterung ein und setzte sich durch die langgezogene Industriehalle in Bewegung. Ihr Herz hämmerte noch immer durch die Wirkung der Drogen, eine Zielstrebigkeit, Gefühlskälte und Furchtlosigkeit hatte sie erfasst, die ihr unter normalen Umständen eine Heidenangst eingejagt hätten. Aber es waren eben keine normalen Umstände. Sehen wir ob die Industrielords entgegen ihren Neigungen ausnahmsweisemal etwas zurückgelassen haben. Etwas wie eine Waffe.


Teil 4

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13.2.09 04:58


Sand - Teil 4 (1. Entwurf)

Vor ihnen endeten die bizarren, durch Jahrzehnte währende Sandstürme abgeschliffenen Felsformationen abrupt, die durch eine künstliche Natur erschaffenen, steinernen Wächter wichen zurück und gaben den Blick auf eine glatte, durch das Überdruckfeld von Sand befreite Plastbetonstruktur frei. Dem modernen Baustoff hatten selbst die nachts auf eine Geschwindigkeit von mehrere Hundert Stundenkilometern beschleunigten Sandkörner Nichts anhaben können, selbst in zahllosen Jahrtausenden, wenn nach Gottes Willen sämtliches Leben auf dieser und anderen Welten zu Staub zermahlen und in alle Winde zerstreut worden war, würde die triste Geometrie des Menschen als Zeuge seiner kurzen Anwesenheit überdauern.

Der Anführer schob den Regler des Feldgenerators, der wie die moderne Variante eines königlichen Zepters wirkte nach oben und der erhöhte Energieausstoß machte sich durch eine hellen, summenden Ton bemerkbar, der nur schwach durch das Fauchen der sie umgebenden Sandwehen drang. Die Sicht im Inneren des Überdruckfeldes verschwamm für einen kurzen Augenblick als es sich ausdehnte und an die aus zahllosen kleinen Wirbeln bestehende Wand aus Sand prallte, die es umgab. Einer sich auftürmenden Welle gleich schoss der Sand in die Höhe, wurde weiter und weiter fortgedrückt und fiel letztlich wieder in einem Chaos aus Strudeln in sich zusammen. Nach wenigen Sekunden nahm die beinahe massiv wirkende Wand aus Sandwirbeln wieder ihre von Schlieren durchzogene, nahezu undurchsichtige Form an, nur dass sie jetzt fast 20 ehrfürchtige Meter von den drei Gestalten im Inneren des Feldes zurückgewichen war. Jetzt da das ständige Fauchen des Sandes in größrer Ferne lag, konnte das pulsierende Summen des Feldgenerators deutlich vernommen werden. Der Energieaufwand für ein Feld dieser Größe war enorm und der Anführer der Gotteskrieger wusste, dass er diese Intensität nicht lange aufrecht erhalten konnte, wollte er die Energiezellen nicht vorzeitig erschöpfen.

Er ließ seinen Blick über die graue, frei gewehte Gebäudestruktur gleiten, die fast nahtlos an die unregelmäßigen Felsen anschloss und zu denen sie einen unpassend erscheinenden Kontrast bildete. Die vollständig ebene Fläche erstreckte sich in alle Richtungen vor ihnen und wirkte wie eine von Riesen im Auftrag blasphemischer Götter asphaltierte Strasse. Die Einförmigkeit und gnadenlose Symmetrie der Plastbetonlandschaft vor ihnen wirkte Falsch und Deplaziert, wie ein gewaltsamer Stilbruch inmitten der unbarmherzigen und rauen Natur. Wobei die Natur dieser Welt im Grunde ebenso Falsch und vom Menschen geschaffen worden war, wie die fugenlose Steinwüste über die sie jetzt ihre Schritte lenkten.

Die Betonstruktur wirkte vollkommen zeitlos, konnte jedoch nicht länger als wenige Jahrzehnte verlassen und eine ebenso kurze Zeitperiode genutzt worden sein. Der gesamte Uranabbau, der Grund aus dem die frevelhafte Reise zu dieser Welt, ihre ketzerische Terraformung und gottlose Besiedelung durchgeführt wurde, hatte sich als verdientes Desaster entpuppt. Die Expertisen der sogenannten Wissenschaftler und die Prognosen der närrischen Konzernexperten die ein wirtschaftliches Paradies vorhergesagt hatten, waren Falsch gewesen. Und Alle, die ihrer Lügenpropaganda von Reichtum und Wohlstand Glauben geschenkt hatten, Alle die sich in ihrer Selbstsucht von Gott abgewandt hatten und von den Verleitungen des Leibhaftigen hierher geführt worden waren, hatten ihre verdiente Strafe erhalten. Sie waren den falschen Propheten gefolgt, hatten sich den Lehren und Weisungen Gottes widersetzt und nur ein Leben in Reinheit und Reue in einer von ihnen selbst erschaffenen Hölle konnte ihnen Sühne bringen. Ebenso wie ihren Kinder, die die Sünden ihrer Väter und Mütter geerbt hatten.

Bereits nach weniger als einer Minute, die sie über die immer gleiche Eintönigkeit des Plastbetons schritten, offenbarten sich große, rechteckige Spalten in der Oberfläche der Struktur. Als sie in Sicht kamen wirkte es fast so, als würde Rauch aus den Öffnungen aufsteigen, doch es war nur die Wirkung des Überdruckfeldes, die Sand aus der Tiefe hervorwirbelte als es versuchte ihn zurückzudrängen. Einer seiner niederen Begleiter, denen das Sprechen untersagt war auf dass sie Demut erlernten und kein sündhafter Ausspruch jemals über ihre Lippen kommen konnte, räusperte sich und deutete mit der geteilten Mündung seines Schrapnellgewehres auf etwas Kleines, dass jetzt hinter dem ehrfürchtig zurückweichenden Sand in Sicht kam. Erst als sie näher kamen, offenbarte sich die Natur des kleinen, länglichen Gegenstandes der scheinbar achtlos am Rand eines der großen, rechteckigen Öffnungen lag.

Es war eine schmucklose, fast schon zierliche Pistole, mit langem Magazingriff, vollkommen in schwarzem Plastik gehalten. Wahrscheinlich eine Gausspistole in deren Inneren hocheffiziente Elektromagnetspulen zur Beschleunigung nadelgroßer Hochgeschwindigkeitsgeschosse verwendet wurden. Es war eine Waffe zum Töten, so klein und einfach zu verbergen, dass sie ideal für einen Dieb oder Attentäter sein musste. Fraglos die Waffen eines Feiglings und Sünders, die Waffe der Ketzerin. Da er wusste, dass gerade die modernen Ausführungen solcher heimtückischen Waffen oftmals Kontaktsicherungen besaßen, wies er seinen Begleiter zu Linken an, er möge die Waffe aufnehmen. Ohne zu zögern tat er wie ihm gesagt worden war, er nahm die Plastikpistole vom Boden auf, drehte und untersuchte sie oberflächlich und überreichte sie dann demütigst seinem Anführer. Sie war sehr viel leichter als man bei ihrem Anblick erwartet hatte und nach kurzem, abfälligen Betrachten der Waffe ließ er sie im der weiten Seitentasche seiner Leinenrobe verschwinden.

Ein neuerliches Zeichen des Herrn, er wies ihnen nicht nur den Weg, er entwaffnete sogar ihre Feinde. Ohne einen Feldgenerator zum Erzeugen eines Überdruckfeldes, dessen Nutzung er mit seinem unter der Kleidung verborgenem Resonanzscanner auch über große Entfernung hinweg hätte wahrnehmen müssen, hatte die Frevlerin kaum eine andere Chance als den Schutz der verlassenen Struktur aufzusuchen. Es war ohnehin bemerkenswert, gerade für eine Gottlose, so viele Stunden unter den harten Bedingungen der Steppe überlebt zu haben und diesen Ort lebendig erreicht zu haben. Doch im Inneren der alten Minen- und Aufbereitungsanlage würden weder die gnadenlosen Strahlen der Sonne noch die immer stärkeren Sandwehen die Effizienz ihrer Bioscanner stören. Auf seinen Wink hin glitten seine Untergebenen zusammen mit ihm in die Spalte hinab. Schon bald würde die Flucht der Ketzerin ein Ende gefunden haben und der armen, verleiteten Seele konnte Gerechtigkeit widerfahren.


Teil 5

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16.2.09 03:50


Sand - Teil 5 (1. Entwurf)

Sie ließ die langgezogene Halle mit den mehr als zwei Dutzend großen, rechteckigen Deckenöffnungen die wahrscheinlich zum Abtransport des aufbereiteten Urans gedient hatten hinter sich und schritt tiefer in die Eingeweide der Industrieanlage hinein. Sie aktivierte die Nachtsicht ihrer Gefechtsbrille um in der Dunkelheit der eintönigen, wahrscheinlich ehemals für automatisierte Transportsysteme konzipierte Gänge sehen zu können und augenblicklich wurde die Welt um sie herum in facettenreiche Grüntöne getaucht, die der gleichförmigen Architektur ein surreales und fremdartiges Aussehen verliehen.

Im völligen Kontrast zu ihrem stark verschnellerten und für sie deutlich spürbaren Herzschlages wirkte sie äußerlich vollkommen ruhig. Ihre Sinne waren klar, kein Detail schien ihrer Aufmerksamkeit zu entgehen und zumindest für diesen Moment wurde sie von einer Gelassenheit erfasst, die zu spüren ihr nicht einmal in ihrer Kindheit vergönnt gewesen war. Die Systeme ihres Anzugs zeigten ihr, dass ihre Körpertemperatur um mehrere Grad gesunken war, obwohl sie trotz der von der Sonneneinstrahlung aufgeheizten Gänge durch die sie schritt keinerlei Wahrnehmung von Kälte oder Wärme verspürte. Sie wusste, dass dieser Zustand nicht lange anhalten würde. In nur wenigen Stunden, wenn überhaupt, würde die Wirkung der injizierten Drogen nachlassen, sie vor Schwäche zusammenbrechen und das Schrapnell in ihrer Hüfte würde sie vor Schmerzen schreien lassen. Und ob ihr strapazierter Körper eine weitere Dosis verkraften würde, war mehr als zweifelhaft.

Nach Minuten, die ihr wie eine Ewigkeit erschienen, trat sie aus dem fugenlosen Transportgang in eine weite, offene Halle in dessen Mitte ein gewaltiger Berg aus Sand thronte, deren obere Hälfte durch die Strahlen der Sonne, die durch ein großes, kreisrundes Loch in der Decke herein fielen, erstrahlte. Während auf dem Boden der Halle absolute Windstille herrschte, befand sich die Spitze des unglaublich symmetrischen, sicher mehr als 20 Meter hohen Sandberges in ständiger Bewegung. Nahe dem Loch in der Decke erfassten die ständigen Sandwehen immer wieder den Sand des Berges, wirbelten ihn empor und ließen ihn wieder herabfallen, was dem gesamten Gebilde das Aussehen eines stilisierten Vulkans verlieh. An den Rändern der Halle, die im Gegensatz zu dem vom Sand dominierten Zentrum in völliger Dunkelheit lagen, offenbarte die Nachtsicht der Brille ihr mehr als ein halbes Dutzend gewaltiger Schächte, die den Boden der Halle säumten.

Ohne Zweifel handelte es sich um Bohrlöcher, durch die das Uran aus einer Tiefe von mehreren Kilometern gefördert worden war. Oder besser gesagt, gefördert werden sollte. Heutzutage wusste Niemand auf dieser Welt, und vor Allem Niemand so unbeutendes wie sie oder ihresgleichen, mehr wem oder was die Schuld für das gescheiterte Projekt, die verschwendeten Ressourcen und die Hunderttausenden von zerstörten Existenzen traf. Die naheliegensten Theorien waren fehlerhafte Messungen der Tiefenraumsonden, die auf der Suche nach lohnenden Rohstoffen seit mehr als zwei Jahrhunderten die für Menschen erreichbaren Planetensysteme erkundeten, sowie fatale Fehlinterpretationen ihrer Daten durch die verantwortlichen Analytiker. Andere Gerüchte die nach wie vor kursierten, waren die von Lügen und gezielter Übermittlung von Fehlinformationen durch die Konkurrenz, sei es ein andere Konzern oder eine Intrige aus den eigenen Reihen gewesen. Immerhin war allgemein bekannt dass Worte wie Moral, Skrupel oder Wahrheit für die Wirtschaftseliten vollkommen andere Bedeutung hatten als für gewöhnliche Menschen, vor Allem wenn Worte wie Macht oder Profit ohnehin viel größere Bedeutung hatten. Und zuletzt war da natürlich noch die Theorie, es wäre Alles auf Gottes Mist gewachsen. Der Allmächtige habe sie hierher geführt, als Bestrafung für Sünden wie ihre grenzenlose Gier, den dreisten Eingriff in seine ureigene Schöpfung dieser ach so wunderschönen Welt oder auch einfach für ihre grenzenlose Dekadenz und dem Wunsch ihr von ihm erschaffenes Paradies zu verlassen. Viele verfluchten ihn für seine Bosheit und seine Engstirnigkeit, Andere dankten ihm gar für seinen Zorn und für ihre sich ihnen jetzt bietende, einmalige Möglichkeit, für die Sünden aller Menschen Buße zutun. Und die Meisten brachen über die Idee es könnte so Etwas wie einen Gott geben einfach nur in schallender Gelächter aus.

An wessen Fehler, Lügen oder Bosheit es auch immer gelegen haben mochte, diese Welt hatte sich als fataler Fehler und Desaster entpuppt. Nach zwei Jahrzehnten notwendiger Terraformung einer zuvor unbewohnbaren Steinkugel ohne Atmosphäre, nach der Besiedelung durch mehr als 200.000 Menschen und der Verfrachtung von einer gigantischer Menge der für die Anfangszeit benötigten Ressourcen sowie dem Errichten einer überlebenswichtigen Infrastruktur, erwiesen sich die prognostizierten Bodenschätze dieser Welt als viel zu gering und minderwertig um weitere Investitionen zu rechtfertigen. Eine Welt die einmal zu einem Paradies mit riesigen Wasserflächen und gigantischer Agrarkultur hätte werden sollen, die zahllosen Millionen als Platz zum Leben und Arbeiten hätte dienen sollen, die zu einem leuchtenden Beispiel für die künftige Besiedelungen andere Welten hatte werden sollen, wurde aufgegeben. Das extrem kostspielige und ressourcenintensive Terraforming wurde eingestellt, Gütertransporte zu lohnenderen Welten umgelenkt und die bisherigen Siedler schlichtweg ihrem Schicksal überlassen.

Sie drängte die ungewollten Gedanken beiseite, bevor sie sich in ihnen zu verlieren drohte und konzentrierte sich wieder auf ihre aktuellen Probleme und die triste Umgebung. Die verbleibende Zeit, die sie fähig sein würde noch ohne zu wimmern auf ihren eigenen Füßen zu stehen, war bei Weitem zu wertvoll um sie mit Gedanken über Dinge zu verschwenden, die sie ohnehin Niemals würde ändern können. Weder sie noch sonst Irgendwer. Bis auf die gegossene Form der geometrischen Betonstrukturen schienen die hohen Vertreter der wirtschaftlichen Elite nichts zurückgelassen zu haben. Kein Stück des auf dieser Welt ungemein wertvollen, wieder verwendbaren Plastmetalls war zu entdecken, nur Löcher und Einkerbungen in denen ehemals verschiedene Arten von Aufhängungen, Schienensysteme oder Abschirmungen vorhanden gewesen sein mussten waren auszumachen. In einer Welt mit bescheidenen Ressourcen und ohne jede Hoffnung auf künftige Importe war wohl nichts Anderes zu erwarten gewesen.

Ihr durch die sie noch immer durchflutende und mitreißende Wirkung des Drogencocktails geschärfter Blick fiel auf etwas Längliches, Unförmiges das unweit des bizarr anmutenden Sandvulkans auf dem mit einer ebenen und weit in den Raum reichenden Sandschicht überzogenen Boden lag. Schnellen Schrittes, wie ein aufgedrehtes, von Neugier beherrschtes Kind rannte sie auf das kantige, gräuliche Objekt zu. Es war ein Stück Fels. Etwas größer als ihre Hand, teilweise von den Jahrzehnten der nächtlichen Sandstürme fast gänzlich glatt geschliffen und an einer Seite grob und unregelmäßig. Auf einer Welt, die fast gänzlich aus grauem Gestein bestand und in der auch der allgegenwärtige Sand vor kaum mehr als 100 Jahren aus festem Fels bestanden hatte, sollte dieser Anblick im Grunde nichts Außergewöhnliches sein. Hier draußen in der Steppe war das normalerweise vollkommen wertlose Objekt jedoch eine wahre Seltenheit. Stein existierte hier draußen im Großen und Ganzen nur in zwei Formen. Das Felsgestein, dass zunehmend von dem auf furchtbare Geschwindigkeiten beschleunigtem Sand abgenagt und zu grotesken Formationen geschliffen wurde und dem Sand selbst, aus dem bis auf die Plastbetonbauten und dem importieren Metall der Menschen eines Tages vielleicht der ganze Planet bestehen würde, eine Welt aus Sand, nur zusammengehalten durch die Gravitation ihrer eigenen Masse. Vermutlich war der Stein erst vor kurzem durch die Stürme von einer Felsformation gebrochen und hier herunter geweht worden, bevor der Sand ihn in seinesgleichen hatte zerreiben können.

Prüfend wog sie den Stein in ihrer noch immer sandverkrusteten Hand und konnte sich ein kaltes, durch den Drogenrausch überhebliches Lächeln nicht verkneifen. In einer Zeit in der selbst hier, auf dieser verlorenen Welt am Rande des besiedelten Raumes jedes kleine, in den Ghettos der Stadt geborene Kind mit Technologie spielte, die im Grunde keiner der hier lebenden Menschen mehr im Stande war zu verstehen, war die einzige Waffe die ihr zur Verfügung stand ein einfacher Stein. Sollte der Gott ihrer Verfolger tatsächlich existieren, so schien er zumindest über eine interessante Art des Humors zu verfügen. Und wenn dieser Stein Alles war, was sie bekommen konnte, so würde er eben reichen müssen. Die betäubende Wirkung der Drogen ließ sie keinerlei Schmerz spüren, als ihre Hand sich so fest um den einzigen Freund schloss der ihr geblieben war, das sie zu bluten begann.


Teil 6

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17.2.09 05:07


Sand - Teil 6 (1. Entwurf)

Mit einem Fauchen erhob sich der Sand vom Boden und der Schräge unterhalb der Deckenspalte, wirbelte um sie herum und vernebelte ihre Sicht fast gänzlich. Mehr und mehr der feinen, scheinbar mehrere Meter hoch aufgetürmten Körner wurde aus der Masse gerissen die den Boden unter ihren Füßen bildete und ließ sie ruckartig tiefer sinken. Schnell deaktivierte er den Feldgenerator und schlagartig endete der kleine, künstlich erschaffene Sandsturm um sie herum. Wie feiner, goldfarbener Regen fiel der Sand mit einem raschelnden Geräusch zu Boden und gab die Sicht auf das Zwielicht der langgezogenen, durch mehrere Deckenspalten erhellten Halle frei.

Auch wenn das Überdruckfeld sie vor den Auswirkungen der Sandwehen geschützt hatte, so waren sie doch in den letzten Stunden den gnadenlosen Strahlen der Sonne ausgesetzt gewesen, die durch kein Lüftchen gemindert auf sie herab gebrannt hatten. Obwohl die Temperaturen im Inneren der Struktur noch immer hoch waren, so standen sie doch in keinem Vergleich mit der unbarmherzigen Hitze der offenen Steppe die Gott ihnen in seiner grenzenlosen Güte zur Sühne ihre Verfehlungen geschenkt hatte. Der Anführer der Gotteskrieger befestigte den länglichen Feldgenerator an dem einfachen Hanfstrick der ihm als Gürtel diente, schlug die große Kapuze seiner Kutte zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Haare waren kahlgeschoren, so dass die zahllosen vernarbten Schnitte auf seiner Kopfhaut gut zu sehen waren, die er sich in den Jahren der Kasteiung als Zeichen der Demut und zur Überwindung der jeden Menschen heimsuchenden, teuflischen Triebe zugefügt hatte.

Er wechselte die Vibroklinge in die rechte Hand und zog mit der Linken den kleinen, schmucklosen Bioscanner aus der Tasche seiner Kleidung hervor, aktivierte ihn und ließ die verabscheute, in vielen Fällen jedoch bedauerlicherweise nötige Technik ihre unheilvolle, kaum nachvollziehbare Arbeit verrichten. Innerhalb von Sekundenbruchteilen erschienen drei kleine Punkte direkt im Zentrum des farbigen Displays, unterlegt mit schnell wechselnden Zahlen und Abkürzungen die detaillierte Biodaten über die ermittelten Ziele wiedergaben. Einen kurzen Moment später erschien ein grüner Pfeil am Rande der Anzeige, ein weiteres Lebenszeichen, das jedoch nicht so detailliert erfasst werden konnte wie die der drei Geistlichen selbst, die sich innerhalb der Kurzreichweite des Gerätes befanden. Lediglich oberflächliche Daten hatte das Gerät ermittelt, die jedoch für ihre Zwecke mehr als Ausreichend waren. Eine Frau, weniger als 200 Meter entfernt, stationär und offensichtlich mit ungewöhnlich niedriger Körpertemperatur.

Auf seinen Wink hin setzten sie sich in Bewegung, schnellen Schrittes folgten sie den Weisungen der fortschrittlichen Technik deren Einsatz ihm vom ganzen Herzen zuwider war und hoffte dass es noch nicht zu spät war, die Seele der bedauernswerten Ketzerin zu retten. Dass sie sich nicht bewegte und scheinbar trotz der warmen Umgebung so stark unterkühlt war, ließ das Schlimmste Vermuten. Und der Tod konnte sie nicht von ihren Sünden befreien, nicht bevor die Reinigung ihres Geistes vollzogen war. Eilig rannten sie durch breite, beinahe erschreckend sandfreie Gänge, das einzige Licht das ihnen den Weg erhellte war der kalte, breitgefächerte Schein der Richtstrahllampen auf den schweren Schrapnellgewehren seiner beiden Begleiter. Das Ziel, über das immer mehr und für den Geistlichen kaum zu deutende Biowerte über den Display des Scanners flackerten blieb bewegungslos und die Entfernungsanzeige schrumpfte zusehends, wahrscheinlich war die Frau ohne Bewusstsein oder lag gar bereits im Sterben.

Sie erreichten einen, im Vergleich zu anderen, bereits durchquerten, einen eher schmalen Raum dessen Muster aus Licht und Schatten, das von den Strahlen der sich langsam senkenden Sonne durch die Dutzenden von quadratischen Öffnungen geworfen wurde, an ein langgestrecktes Schachbrettmuster erinnerte. Eine Reihe von beckenartigen Vertiefungen säumte das Zentrum des Raumes, die teilweise durch den Sand der sich in riesigen Bergen unter jeder der Deckenaussparungen erhob gefüllt. Wahrscheinlich war dieser Raum ehemals ein Teil des Uranaufbereitungsprozesses gewesen, von denen der Anführer der Gotteskrieger in jüngeren Jahren zahllose Bilder gesehen hatte. Als er sein Leben noch unter den Ungläubigen verbracht hatte, deren Gott eine unverständliche und den Menschen Fremd gewordene Technologie und deren Tempel ihre virtuelle Welten voller eingebildeter Vergnügungen und die lasterhaften Hurenhäuser geworden waren. Bevor er die Wahrheit und den offensichtlichen, einzig wahren Weg erkannt hatte.

Die Gestalt der Ketzerin ruhte am Hang eines der ausufernden Sandberge an der linken Seite der Halle, schon auf die Entfernung hinweg konnte man die Ausmaße der Schrapnellwunde sehen, die sie erlitten hatte. Die gesamte linke Seite ihre Tarnanzuges war blutgetränkt, so dass selbst die Teile die noch immer den Hintergrund des Sandes reflektierten und sie hätte verbergen sollen nutzlos geworden waren. Schnell rannten sie zu ihr und er gab einem seiner Begleiter ein Zeichen auf dass dieser seine Waffe beiseite legte und begann ihre Wunde und ihren Zustand zu überprüfen. Sie lag vollkommen regungslos da, die Augen geschlossen, eine Hand auf die blutige Wunde gepresst, die andere scheinbar vor Schmerzen in den Sand verkrallt. Der Bioscanner lieferte jetzt sehr detaillierte Daten der Frau und auch wenn er große Teile der Informationen nicht verstand, wunderte er sich über den Kontrast zwischen ihrer extrem niedrigen Körpertemperatur und ihrem stark beschleunigten Herzschlages. Konnte es sein dass…

Mit einer unglaublich schnell Bewegung fuhr sie auf, gerade als der Gotteskrieger seine Hand auf ihre Wunde gelegt hatte, ließ ihren bis gerade teilweise unter dem Sand verborgene Arm hervorschnellen und schlug den Stein der jetzt in ihrer Hand sichtbar wurde mit voller Wucht gegen die Seite seines Kopfes. Ein lautes Knacken ertönte und der Getroffene sank wie eine Puppe seitlich in sich zusammen. Sofort sprang die Ketzerin auf ihre Füße, den jetzt ebenfalls blutgetränkten Stein fest in ihrer Rechten und schnellte auf den zweiten seiner Begleiter zu, der seine Apathie überwand und in einer Bewegung die nur unbeutend aber entscheidend langsamer war als die Ihre das Schrapnellgewehr auf sie zu richten versuchte. Es jagte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken als er ihre hasserfüllten Augen und das zu einer Grimasse voller Niedertracht verzerrte Gesicht sah, das eine grausige Entschlossenheit zeigte. Welche namenlosen Dämonen hatten sich der Seele und des Körpers dieser armen Kreatur bemächtigt, lenken ihre Bewegungen und ihr schändliches Tun?

Noch in der Bewegung ließ die Frau den Stein fallen und griff nach dem Schrapnellgewehr ihres Gegenübers, bevor er den Lauf auf ihren blutverschmierten Bauch hatte richten können. Ihre Besessenheit schien ihr eine übermenschliche Kraft zu verleihen, als sie mit seinem Untergebenen um die Waffen rang, ihm einen harten Tritt gegen das Bein versetzte und das Gewehr an sich riss. Er spürte die Vibration seiner Klinge als er sie noch in der Bewegung aktivierte und einen nur kurz ausgeholten, schnellen Streich ausführte. Die vibrierende Schneide traf ihr Gesicht, schnitt durch ihr rechtes Auge und drang ohne jeden Widerstand in den seitlichen Schädelknochen ein und wieder aus. Ihr Blut spritzte ihm ins Gesicht und perlte in kleinen Tropfen von der Klinge ab, deren Vibration ein Anhaften jeder Flüssigkeit verhinderte. Mit einem zunächst schrillen und dann keuchenden Schrei ließ sie das Schrapnellgewehr fallen, versuchte vergeblich mit den Händen den Schwall von Blut, der aus ihrer zerstörten Augenhöhle und der Seite ihres Kopfes drang zurückzuhalten und sank auf die Knie.

Der Verlust ihres Auges war unbedeutend, sie würde es für ihre Sühne nicht benötigen, vielleicht würde es ihr so gar leichter fallen sich auf das Wesentliche, die Reinigung ihrer Seele durch den Schmerz zu konzentrieren. Noch in ihrem Fall griff er in ihr kurzes, lästerlich gefärbtes Haar, riss ihren Kopf zurück und setzte die durch die ständige Vibration leicht summende Klinge nah an ihrem Hals. Ihr Gesicht, dass ihn jetzt schmerzverzerrt und voller Abscheu entgegenstarrte war entstellt, doch auch dass konnte ihr eine Hilfe sein, Schönheit war letztlich nur ein schneller Weg in die verderblichen Abgründe der Leidenschaft.

Sie schien sich nicht mehr wehren zu wollen, konnte das Summen der Vibroklinge ohne jeden Zweifel hören und hatte offensichtlich die Aussichtslosigkeit ihrer Lage erkannt. Er dreht sich zu seinem Untergeben um, der sich gerade wieder vom Boden erhob und nach seinem Schrapnellgewehr griff, als er eine Berührung an seinem Gürtel spürte. Verwunderte starrte er an sich herab und der aufsteigende Sand wirbelte ihm direkt in die Augen. Ein Inferno von wehendem Sand brach um ihn herum aus, der versuchte in seine Augen und seinen Mund zu dringen und sie scheinbar vollkommen umgab. Für einen kurzen Augenblick erfasst ihn Angst und die Überzeugung die Dämonen die sich dieser Frau bemächtigt hatten, wäre die Macht über den allgegenwärtigen Sand gegeben, bis ihm klar wurde wie töricht diese Annahme war.

Diese Sünderin hatte sich seines Feldgenerators bemächtigt, den er achtlos an seinem Gürtel getragen hatte. Immer mehr Sand schien ihn zu umgeben und der Boden unter seinen Füßen schien zu verschwinden, tiefer und tiefer versanken seine Beine in dem gleichzeitig verschwindenden Sand. Voller Wut stach er mit seiner Klinge nach Vorne, in die Undurchsichtigkeit des wehenden Sandes hinein, doch sie traf auf keinerlei Widerstand. Mehrfach hörte er das typische Kreischengeräusch eines der Schrapnellgewehre, dass scheinbar ebenso ins Blaue abgefeuert wurde. Stumm fluchend und sich selbst für diese Lästerlichkeit maßregelnd sank er auf die Knie und versuchte den Feldgenerator mit den Händen zu ergreifen, der offensichtlich schneller im zunehmend verdrängten Sand verschwand als er den Sand um sich herum verdrängte. Die Augen und den Mund fest zusammen gekniffen griff er wieder und wieder ins Leere, bis er endlich den harten Stein unter seinen Händen und Knien zu spüren begann. Vorsichtig öffnete er die Augen wieder und sah wie der letzte Sand auf dem sie vor kurzen noch gestanden hatten in alle Richtungen vor ihm zurückwich.

Er hob den jetzt offen sichtbaren Feldgenerator vom Boden auf, deaktivierte ihn und betrachtete die in sich zusammenfallende Mauer aus Sand um sich herum. Sein unversehrter Begleiter richtete sich mit dem angelegten Schrapnellgewehr auf und sah sich noch mit vorsichtig zusammengekniffenen Augen um. Sein anderer Untergebener lag mit gebrochenem Schädel auf dem harten, jetzt sandbefreiten Boden. Von der Ketzerin war nichts mehr zu sehen. Gott hatte sie für ihren Hochmut und ihre Achtlosigkeit gestraft und einer von ihnen hatte dafür den verdienten Tod erlitten. Und die bedauerliche Seele der Frau war mit einer weiteren Todsünde besudelt worden. Ein zweites Mal würde sie diese, zweifellos besessene Frau nicht unterschätzen.

Er deaktivierte die Vibroklinge, steckte sie in seine Kutte zurück und hob das zweite Schrapnellgewehr vom Boden auf. Der Bioscanner zeigte eine sich nicht allzu schnell entfernende, offensichtlich humpelnde Frau an. Doch offensichtlich wären sie nicht einmal mehr auf den Scanner angewiesen. Nach wenigen Metern begann eine mehr als deutlich sichtbare Blutspur die aus dem Raum hinaus in einen der langen, schachtartigen Gänge führte. Offensichtlich hatte Gott den Arm seines Begleiters geführt und eine der Schüsse aus dem Schrapnellgewehr hatten sie nicht verfehlt.


… to be continued …

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18.2.09 05:01


Fragment MF(AT) - Kapitel 2, Abschnitt 3 (1. Entwurf)

Die aufgehende Sonne wurde von den verspiegelten Fassaden der Konzernverwaltungen, Anwaltskanzleien, Finanzriesen und Maklerbüros dutzendfach reflektiert und tauchte den gesamten Straßenzug in gleißendes, fast engelsgleiches Licht. Die angestrahlten Wolkenkratzer schien ein goldenes Leuchten zu umgeben, das sie auf gewisse Weise unantastbar oder gar unfehlbar wirken ließen. Eine schimmernde, göttliche Reinheit und eine tugendhafte, über alle Zweifel erhabene Unschuld.

Ashton verstärkte per Sprachbefehl den Tönungsgrad der Front- und Seitenscheiben des dunkelgrauen Sportwagens, der von außen sehr viel unscheinbarer wirkte, als er es tatsächlich war. Ein offensichtlich leistungsstarkes und sicher auch alles Andere als preiswertes Fahrzeug der neusten Generation, dem man jedoch weder seine verstärkte Außenpanzerung noch seine überlegene technische Ausstattung ansah und das zweifellos weder hier im Finanzdistrikt noch in den noblen Wohngegenden die sein Ziel waren sonderlich auffallen würde.

Zunehmend füllten sich die vor einer Stunde noch fast menschenleeren Strassen mit Männern in feinen Anzügen und Frauen in teuren Kostümen die zu Fuß die breiten Plastbetongehwege entlang schritten, in Sportwagen die sechsspurige Strasse entlang fuhren oder sich in Limousinen auf der Selbigen chauffieren ließen. Das sittsame, vornehme und teilweise übertrieben arrogante Auftreten der Konzernangestellten schien Ashton wie ein geschöntes Zerrbild der Wirklichkeit, wusste er doch dass ihre internen Rivalitäten oftmals eher an das Verhalten von Raubtieren oder Aasfressern erinnerten. Genau wie die noch immer golden strahlenden Fassaden ihrer Käfige, hinter denen verborgen vor den Blicken der Welt Zwistigkeiten und Abgründe lagen, die Außenstehende Niemals erwarten würden.

Er spürte ein leichtes Vibrieren am Bügel seiner verspiegelten Sonnenbrille und das darin integrierte, Richtschallsystem flüsterte den Namen des Anrufers mit sanfter Stimme in sein Ohr. Mit einem kurzen Tippen seines Zeigefingers am mit braunem Kunstleder eingeschlagenen Lenkrad des Sportwagens akzeptierte er den Anruf und fast augenblicklich erschien ein bewegtes Bild am Rande seines Sichtfeldes. Die winzigen optischen Laser der Brille projizierten das wie gewohnt lächelnde und mit einer stets ruhelosen Mimik versehene Gesicht Gordons direkt auf seine Netzhaut. Seine helle, immer leicht schwankende Stimme erklang so deutlich in seinem Ohr, als würde er neben ihm im Wagen sitzen.

'Ash, willkommen in Amerika. Wann warst Du das letzte Mal hier?' Alleine während dieser zwei kurzen Sätze hatte sein Gesicht mehrfach gezuckt und seine Augen hatten scheinbar in jede Richtung, nur nicht in die Kamera gesehen. Niemand der Gordons Situation und die dafür verantwortlichen Gründe nicht kannte, würde mit ihm zu Recht kommen, geschweige denn arbeiten wollen. Für Ashton jedoch war er im Laufe der Jahre unverzichtbar geworden. Mehr als das, ein Freund. Und über wen konnte man das in diesen seltsamen Zeiten schon noch sagen.

'Vor 5 Jahren.' Es missfiel ihm Gordon anzulügen, den wahrscheinlich einzigen Menschen dem er bereit war fast bedingungslos zu vertrauen. Aber er wusste zu gut, dass er nicht der Einzige war, der diese Unterhaltung hören würde und den eine andere Antwort vielleicht zum Nachdenken bringen würde. 'Und ich kann nicht sagen, dass ich es sonderlich vermisst habe. Wie geht es unserem Angler? Fischt er noch immer in seichten Gewässern?'. Der Angler oder auch die Zielperson. Fast ein halbes Jahr hatte man benötigt um ihn zu identifizieren und letztlich ausfindig zu machen. Und seit über einen Monat hatte er das erste Mal das nahezu unantastbare Heim seines Hochsicherheitsbüros verlassen, was Ashton eine strapazenreiche Reise von mehr als 10.000 Kilometer in weniger als 3 Stunden beschert hatte.

'Bisher keine Veränderung. Habe die Analyse beinahe abgeschlossen, wenn Du hier bist werden wir bereit sein und wissen, was es zu wissen gibt.' Wieder zuckten seine Mimik und sein Kopf unkontrolliert und ließ seine halblangen, teilweise braunen und teilweise weiß blondierten Haarsträhnen wild um sein braungebranntes Gesicht schlackern. Er schenke Ashton ein schiefes Lächeln das sämtliche seiner strahlend weißen Zähne offenbarte und riss seine hellblauen, stets abwesend wirkenden Augen auf, bevor er das Gespräch abrupt beendete. Gordon mochte den meisten Menschen wie ein Irrer oder ein Charge-Junkie erscheinen, oder noch schlimmer, wie ein irrer Charge-Junkie, doch Ashton wusste dass Niemand sonst in der Lage gewesen wäre, in so kurzer Zeit die nötigen Informationen zu erlangen und die kurzfristige Planung und Absicherung eines derartigen Einsatzes überhaupt zu ermöglichen.

Der Sportwagen ließ die zahllosen und architektonisch vielseitigen Wolkenkratzer der hohen Geschäftswelt hinter sich zurück und tauchte in die deutlich befahreneren, und aufgrund der fehlenden Spiegelfronten und der Höhe der dicht aneinander erbauten Wohnblocks sehr viel dunkleren Strassen der Neubaugebiete ein. Es schien wie das überschreiten einer Grenze, die von der Schönheit der goldenen Lichter in die Finsternis der Eintönigkeit führte. Das Eindringen in einen düsteren Wald aus gleichförmigen Bäumen, nur dass sich Ashton hier deutlich wohler fühlte als zwischen den strahlenden Palästen der Konzernverwaltungen. Er deaktivierte die Tönung der Scheibe und betrachtete im deutlich zäheren Morgenverkehr die ihm zunehmend entfremdete Welt der normalen Menschen. Zu Hunderten strömten sie aus den glatten und grauen Plastbetonbauten oder fuhren mit ihren Wagen aus den die ganze Strasse entlang identischen Ausfahrten der Tiefgaragen. Und sie selbst waren es, die die Eintönigkeit ihrer Wohngegend Lügen straften.

Während das Aussehen, die Frisuren, die Kleidung und selbst die Schuhe der Konzernangestellten in ihrem goldenen Stadtviertel unzähligen, schwierigen und dennoch klaren Regeln unterlagen, was letztlich dazu führte dass die unzähligen Modelle der Anzüge und Kostüme im Grunde beinahe gleich aussahen, gedieh unter der normalen Arbeiterschaft die farbenfrohe Vielfalt in schier unendlich vielen Arten. Kleider und Schnitte in jeder erdenklichen Form, vom geschlossenen bis zum offenherzigen, vom einfarbigen bis schmerzhaft bunten, vom Eleganten zum Brachialen. Auch wenn im weitesten Sinne beinahe jeder dieser Menschen ein Konzernangestellter war, interessierte es im Grunde kaum mehr Jemanden, wie der gemeine Angestellte seine Frisur gestaltete, welchen Kleidungsstil er bevorzugte oder welche kulturellen Vorlieben oder Zugehörigkeiten zu Subkulturen er nach draußen zu signalisieren versuchte. Und die farbenfrohe Vielfalt setzte sich ebenso in den genutzten Fahrzeugen dieser Menschen fort, die sich nicht an das uniforme Schwarz der Firmenlimousinen oder das klischeehafte Rot und Gelb für ihre Sportwagen zu halten pflegten.

Das gesamte Neubaugebiet am Rande von Phoenix, im Tal der Sonne wie die Menschen es nannten, wurde erst vor wenigen Jahren und im Eilvorgang in die Höhe gezogen. Die Stadt hatte in den letzten Jahrzehnten aufgrund der verstärkten Niederlassung der Elektronikindustrie und dem Bau mehrerer ausgedehnter Fusionskraftwerke einen so immensen Bevölkerungszuwachs erhalten, dass sie sich auf ein Vielfaches ihrer ursprünglichen Größe ausgedehnt und mehr und mehr der in Arizona liegenden Teile der Sonara-Wüste mit Industriekomplexen und Fabriken gepflastert hatte. Nach dem wirtschaftlichen Niedergang vieler anderer, ehemals bedeutender Städte der Vereinigten Staaten galt Phoenix als eine der bedeutendsten und modernsten Konzernstandorte auf dem Kontinent. Die Stadt wuchs so rasch, dass der vorhandene Wohnraum in möglichst kurzer Zeit aus dem Boden gestampft werden musste, was die Einfallslosigkeit in der Architektur und die Eintönigkeit erklärte, die sich jedoch bereits wieder aufzulösen begann.

Auf Drängen der Konzerne hatten die Stadtverwaltung und der Bundesstaat alles in ihrer Macht Mögliche getan um die Verbrechensrate ihrer aufstrebenden Stadt zu mindern, Gangwesen und organisiertes Verbrechen zu verhindern und ein leuchtendes Beispiel in ihrer langsam in Korruption, Willkür und Gewalt zu versinken drohenden Nation zu werden. Und selbstverständlich waren sie, wie im Grunde immer, gescheitert. In einem Land, das sich auf seine freiheitlichen Grundwerte verlässt, das Persönlichkeitsrechte und Entscheidungsfreiheit hochhält und am grundlegenden Recht eines jeden mündigen Bürgers eine Waffe zu besitzen festhält, war ein solcher Versuch von Anfang an müßig gewesen.

Überall zierten Graffiti die freien Flächen zwischen den riesigen Videoleinwänden, die ohne Unterlass zu jeder Tag- und Nachtzeit aller Arten von Werbespots zum Besten gaben und Gruppen von Menschen die ihre offensichtliche Zusammengehörigkeit durch ihre gemeinsamen Farben oder Frisuren zur Geltung brachten sammelten sich an Straßenecken oder vor Hauseingängen. Immer wieder hörte man ferne und teilweise auch nahe Sirenen oder sah tief über die Häuserschluchten fliegenden Polizeihubschrauber. Und diese Neubausiedlung war sicher keine der schlechteren Stadtteile der Megacity. Auch in Phoenix gab es bereits Gegenden, die von der Polizei üblicherweise gemieden wurden, wie im Grunde in eigentlich jeder größeren Stadt in den Staaten.

Er verließ den nächsten Kreisverkehr in Richtung Süden und fuhr in eines der riesigen, erst vor weniger als zwanzig Jahren neu errichteten Stadtzentren ein. Für Jeden, der seinen Bedarf an allen Arten von legalen Gütern nicht grundsätzlich Online und durch anschließende, meist umgehende Zulieferung deckte, boten diese schier endlosen Einkaufsmeilen Alles was ihr Herz begehrte. Zahllose Studien aus dem Anfang des Jahrhunderts hatten einen starken Rückgang und schließlich eine beinahe völlige Stagnation des außerhalb des Netzes stattfindenden Einzel- und auch Großhandels vorhergesagt. Warum sollten Menschen ihre überaus wertvolle Freizeit mit dem Besuch von Geschäften, den damit verbundenen Wegzeiten, eventuellem Gedränge oder gar mangelnder Auswahl verschwenden, wenn schlichtweg Alles schnell und problemlos online bestellt werden konnte und jeder gewünschte Artikel binnen weniger Stunden den Weg zum Kunden findet? Diese durchaus vernünftig klingenden Zukunftsprognosen hatten zu einem großen Umdenken, zu Umstrukturierungen und zu neuen Denkansätzen im Bereich des Handels geführt und hatten sich als einer der fatalsten Fehler des ganzen Wirtschaftszweiges entpuppt, den viele der führenden Vorreiter der Umgestaltung mit dem Ende ihrer Karriere bezahlt hatten.

Die Menschen wollten Einkaufen gehen, wollten durch ihre riesenhaften Konsumtempel stolzieren, sich von den allgegenwärtigen Videotafeln ködern lassen und spontan Dinge kaufen, die keiner von ihnen wirklich benötigte. Gerade in einer Zeit, in der mehr und mehr Existenzen sich in ihren Onlineaktivitäten verloren und die Trennung zwischen Realität und virtuellen Spielwelten für viele geistesschwachen Existenzen zunehmend verwischte, wurde gerade das Einkaufen zu einem der Rettungsanker des gesellschaftlichen Lebens. Und Stadtzentren wie diese, mit ihren gigantischen Kaufhäusern, den riesigen Shoppingkomplexen, der schier grenzenlosen Auswahl an Restaurants, Clubs; Spielhallen und VR-Tempeln sowie dem allgegenwärtig, wenn auch örtlich schwer zu fassenden Schwarzmarkt, waren für Viele der Mittelpunkt ihrer Welt geworden. Gerade nach der endgültigen Aufhebung der altmodischen Vorstellungen, zu welchen Tag- oder Nachtzeiten ein Mensch zu schlafen, zu arbeiten oder zu leben hat, pulsierte das Leben an diesen Orten rund um die Uhr und sie wurden zu einem Anziehungspunkt für fast jede erdenkliche Bevölkerungsgruppe der Stadt. Sie waren in gewisser Weise wie erholsame und fruchtbare Täler in dem unüberwindlichen Alltagsgebirge der Stadt. Umgeben von den Wolkenkratzern, Wohntürmen und hoch aufragenden Industrieanlagen der umliegenden Stadtteilen erreichte hier die Sonne fast den ganzen Tag die Strassen, die eher flach gehaltenen Gebäudekomplexe, die offenen Plätze und die zumindest teilweise gepflegten Parks. Das wahre Tal der Sonne in einer Stadt der Gebäudeschatten, ein Ort wo man das Gefühl hatte trotz der zunehmend schlechten Luftqualität noch tief durchatmen zu können.

Er hatte die über und über mit Videowänden gepflasterten, sich wie Adern durch dieses pulsierende Herz des Stadtmolochs ziehenden Strassen die ihn zum Zielviertel bringen würden bereits zu Dreiviertel durchquert, als ein erneutes Flüstern in seinem Ohr ihn über den Abschluss von Gordons Analysen und seiner Vorbereitungen informierte. Er ließ den Bordcomputer des Wagens eine Liste der auf seinem Weg liegenden Schnellrestaurants anzeigen, wählte eines der Klischeebehaftetsten und augenblicklich hob das GPS-System eine Route auf der transparent auf der Seite der Windschutzscheibe eingeblendeten Straßenkarte hervor. Zusätzlich informierten ihn Anzeigen und Pfeile über Entfernungen und die zu wählenden Strassen und Ausfahrten, einer der unzähligen, Ashtons Meinung nach völlig unnötigen technischen Spielereien des Wagens, die beinahe jeder Benutzer am Tage nach dem Kauf eines Wagens deaktivieren würde. Er machte sich jedoch nicht die Mühe, es stand fast vollkommen außer Frage, dass dieser sündhaft teure Sportwagen keinen weiteren Tag erleben würde. Noch vor seiner Ankunft beim Imbiss schickte er seine Wunschbestellung voraus, eine XXL-Portion Chilikäsefritten, eine mittelgroße, dreimal geschärfte Hähnchentasche und einen extragroßen, fünffach gesüßten Karamellkaffee mit 7 Espressoeinheiten. Als er weniger als eine Minute später an einem der fast ein Dutzend Abholschalter des dreistöckigen, vollkommen mit Videowänden eingefassten Restaurantgebäude hielt, war sein Essen bereits verpackt und wurde ihm in einer der typischen, mit dem weltweit bekannten Logo bedruckten Thermoverpackungen zusammen mit dem wieder verschließbaren Kunststoffzylinder mit dem Kaffee übereicht.

Im Schritttempo entfernte er sich von dem Gebäude, auf dessen Außenseite in rascher Folge sämtliche der angebotenen Speisen, in gigantischen, meterhohen Proportionen dargestellt, beworben wurden und hielt auf dem geräumigen Parkplatz des Restaurants. Das Essen im Wagen, ob während der Fahrt oder auf den eigens dafür erweiterten Parkplätzen war seit zahllosen Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil der Kultur, wenn nicht gar zu einem Ausdruck ihrer Lebensart geworden. Und in der Regel aßen tatsächlich mehr Menschen in ihren Wagen auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants als in seinem Inneren selbst. Ein Zeichen für die Rastlosigkeit der Menschen dieser Zeit, oder vielleicht auch einfach nur für ihre hedonistische Paranoia, in ihrer ach so spärlichen Zeit etwas Wichtiges verpassen zu können. Was in der Regel aber ohnehin nicht geschah.

Er warf die silberne Verpackung samt dem Essen ungeöffnet in den kleinen, automatisch öffnenden Müllschacht unter seinem Sitz, Nichts in der Welt würde ihn dazu bringen einen solchen, nicht auf die Bedürfnisse seines Körpers zugeschnittenen Dreck zu verspeisen. Augenblicklich zeugte ein leiser, vibrierender Ton aus den Eingeweiden des Wagens von der stattfindenden Komprimierung seines Abfalls, er nippte dreimal zögerlich an dem eisgekühlten Karamellkaffee, bevor er ihn wie er es erwartet hatte dem Weg des bestellten Essens folgen ließ. Er hatte ohnehin weder Hunger noch Zeit die er mit Essen verschwenden konnte, stattdessen zog er eine Zigarette aus seiner Hemdtasche und zog daran, worauf sie sich mit einem zischenden Laut entzündete. Über eine Berührung seines Daumens an der dafür vorgesehenen Stelle des in Leder eingeschlagenen Lenkrades aktivierte er die Videosteuerung der Fenster. Er ließ eine Aufnahme von sich selbst auf der Windschutzscheibe erscheinen und erst als er sein aktuelles Ebenbild erblickte spürte er dass sein Zustand, vor Allem im Vergleich zu sonst, nicht gerade dem von ihm Gewünschten entsprach.

Seine dunkelblonden Haare, die er sich während der Reise auf eine stattliche Länge von fast 4 Zentimeter hatte wachsen lassen waren einfach nur ungewohnt, sein Gesicht jedoch wirkte ein wenig abgekämpft, wenn nicht gar müde und seine sonst harten und unnachgiebigen, stahlblauen Augen wirkten unkonzentriert und matt. Jetlag. Wenn man es tatsächlich so nennen konnte. Nachdem Gordons Benachrichtigung ihn nach nur wenigen Stunden, und dass nach einer mehr als ereignisreichen und anstrengenden Woche aus dem Schlaf gerissen hatte, war es Mittag gewesen, jetzt war es früher Morgen. Er hatte in weniger als drei Stunden 8 Zeitzonen überschritten, die Uhr Stunde um Stunde zurückgedreht und seine Blicke hatte den unnatürlichen Weg der Sonne in Richtung Osten über den Himmel verfolgt. Vielleicht war der menschliche Körper auch einfach nicht dafür geschaffen sich über so weite Strecken mit dreifacher Schallgeschwindigkeit, mit mehr als einem Kilometer pro Sekunde fortzubewegen. Trotz all seines erbarmungslosen Trainings, seiner stahlharten Konditionierung und den Hunderten von leistungsfördernden und den Körper abhärtenden Mitteln die man ihm regelmäßig spritze und er jeden Tag mit seinem Essen zu sich nahm, hatte in diese Reise ausgelaugt.

Die Medizin hatte in den letzten 50 Jahren schier unglaubliche Fortschritte verzeichnet, das Wissen und Verständnis der Humanmedizin war umfassender als man es sich damals auch nur hätte träumen lassen. Moderne Behandlungen und Medikationen hatten den größten Teil der bekannten Krankheiten Nichtig werden lassen, zumindest wenn der Patient die erforderlichen Kosten tragen konnte und die genetische und technische Verbesserung des menschlichen Körpers begann seinen Siegeszug. Doch seinen Jetlag, unter dem Ashton weit mehr litt als jeder andere Mensch dem er bisher begegnet und dieses Thema erörtert hatte, schien vollkommen Behandlungsresistent zu sein.

Mit einem ärgerlichen Stöhnen ließ er das Handschuhfach und danach das darunter befindliche Geheimfach durch die Computersysteme des Wagens öffnen und entnahm den schmalen, länglichen Sicherheitskoffer. Nach einem Abgleich mit seinem Fingerabdruck und dem Flüstern des notwendigen Zugangscodes öffnete sich die flache Abdeckung des grausilbernen Koffers, anstatt durch die hochkonzentrierte Säure in der Außenhülle den Inhalt restlos zu zerstören und gab die Sicht auf die von Ashton bestellten Ausrüstungsstücke frei. Er schenkte den Waffen und Hightechspielereien zunächst keine Beachtung und griff nach der schmalen, durchsichtigen Hartplastikverpackungen mit den farbigen kleinen Pillen, den exakt für ihn dosierten Ampullen und den Einwegspritzen.

Mit kundigen Fingern löste er die gewünschte Mischung winziger Tabletten aus ihrer Verpackung und schluckte sie mit einem Schluck aus der Flasche mit dem mineralisierten Wasser herunter, die er als beinahe einziges Gepäckstück mit in die Staaten gebracht hatte. Eine harmlose Zusammenstellung, die seinen Jetlag zurückdrängen und ihm helfen sollten seine Konzentration und Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Situation zu fokussieren. Er nahm einen weiteren, erfrischen Schluck des normalerweise unverschämt teuren Designerwassers, schloss die Augen und wartete darauf dass die ersehnte, vertraut gewordene Wirkung der medizinischen Hilfsmittel zu wirken begann.

Seine Anwesenheit hier wäre im Grunde unnötig gewesen. May und David waren erfahrene Experten auf ihrem Gebiet und der eigens extern angeheuerte Söldnerservice galt als Professionell, Schlagkräftig und Vertrauenswürdig. Und unter Gordons, fast schon mentaler Wegbereitung und der Überraschung auf ihrer Seite, sollte selbst ein delikater Einsatz wie Dieser auch ohne seine Mitwirkung erfolgreich sein. Dennoch, es war sein Team, sein Einsatz und somit seine Verantwortung. Davon abgesehen, und in dieser Hinsicht war Ashton sich selbst gegenüber sehr ehrlich, war es genau das, was ihm in den letzten Wochen und Monaten mehr als alles Andere gefehlt hatte. Es war seine Leidenschaft, sein Leben und der für ihn zur Zufriedenheit notweniger Nervenkitzel. Jeder konnte Zeit seines Lebens trainieren, seine Muskeln und Reflexe durch Implantate und Steroide stärken oder sich in Simulationen auf zahllose Sonderfälle und unvorhergesehene Ereignisse vorbereiten, doch was nützte es, wenn die erworbenen Fähigkeiten Brach lagen? Wenn Jahre der Arbeit, der Vorbereitung und des endlosen, bis über die Grenzen hinausgehenden Trainings ungenutzt bleiben, all die Zeit verschwendet war?

Selbst modernste Trainingsmethoden, lebensechte Simulationen oder detailliert geplante Manöver würden dem Erlebnisgrad eines wirklichen Einsatzes Niemals auch nur Nahe kommen, oder auch nur annährend so lehrreich sein. Am Anfang des Jahrhunderts hätte man Jemanden wie ihn wahrscheinlich als Adrenalin-Junkie bezeichnet, in einer Zeit bevor Adrenalin als Basis für viele Kampfdrogen verwendet wurde und später zugunsten von deutlich wirkungsvolleren Substanzen wieder aus der militärischen Medikation verbannt wurde. Er brauchte die Gefahr, genoss sie mehr als alles Andere und ging völlig in ihr auf. Sie zeigte ihm dass er lebte.

Wie ein kurzes, den ganzen Körper durchdringendes Kribbeln spürte er wie die sehnsüchtig erwartete Wirkung der eingenommen Pharmaprodukte begann, seine ziellosen Gedanken sich bündelten und der letzte Rest von Müdigkeit und mangelnder Konzentration aus ihm herausgespült wurde. Er öffnete die Augen, nutzte die in das Lenkrad integrierte Computersteuerung und in Sekundenbruchteilen ergoss sich eine Flut von Fenstern voller Listen, Bildern und Datenpaketen auf die gesamte Fläche der Windschutzscheibe. Er kannte Gordons Art der Datenaufbereitung und Sortierung, innerhalb weniger Sekunden ordnete er die wie immer umfassenden Informationspakete nach seinen Wünschen an, öffnete die ersten Satellitenbilder, Einsatzanalysen und Lifeaufnahmen des Einsatzgebietes.

Auch wenn Gordon, May und David bereits seit über eine Woche vor Ort waren, hatten sie darauf verzichtet ein eigenes Überwachungssystem aufzubauen, die Gefahr einer frühzeitigen Entdeckung ihrer Aktivitäten und der dadurch fast vorbestimmte Fehlschlag waren zu groß und die Bedeutung des Ziels zu immens gewesen um ein solches Risiko einzugehen. Daher hatte man auf, gerade in dieser Gegend in großer Menge vorhandener Sicherheitssysteme und Überwachungseinheiten zurückgegriffen um ein für Gordon typisches, engmaschiges und lückenloses Raster über das Einsatzgebiet zu legen. Oberfläche Aufklärung erhielten sie durch Satellitenbilder in Echtzeit und den Live-Aufnahmen von mehreren Hundert Sicherheitskameras, die allerorts an den Strassen, Wohnhäusern, Autos und den ständig anwesenden, mobilen Überwachungsdrohnen der Polizei und der privaten Sicherheitsdienste ihren vorgeschriebenen Dienst taten. Aus den Datenbanken des Bauamtes, verschiedenster Sicherheits- und Baufirmen und letztlich der Stadtverwaltung hatte Gordon umfassende Daten über die in der Gegend vorhandenen Alarmsysteme und Gebäudeverteidigungen erhalten und die Auswertung der gesammelten Bilder der letzten Wochen hatten zu einer schier endlosen Liste von Personendaten und Risikoeinschätzungen geführt.

Menschen waren ein offenes Buch, wie man so schön sagte und dies bereits seit mehr weit mehr als einem halben Jahrhundert. Was vor langer Zeit mit der Speicherung und Auswertung von Netz- und Nutzerdaten begonnen hatte, damals unter dem harmlosen Deckmantel Käuferverhalten zu erforschen und personifizierte Werbung zu revolutionieren, hatte schnell Einzug in die reale Welt gehalten. Durch die immense Fülle gesammelter Bilddaten, sei es durch die längst zum Leben gehörenden, allgegenwärtigen Überwachungssysteme, die immer beliebteren Kontaktbörsen und Onlinecommunitys oder den verstärkten Drang der Menschen zur Selbstdarstellung gab es schon bald Niemanden mehr in der westlichen Welt zu dem nicht, freiwillig oder unfreiwillig, reihenweise hochauflösende Bilder im Netz zu finden waren. Und es war nur eine Frage der Zeit und der logische Schritt der Unternehmen gewesen, diese Begebenheiten des modernen Lebens profitabel machen zu wollen. Und IN, das Information Network war mit Abstand das Erfolgreichste von ihnen.

Moderne Netzhautscanner konnten selbst auf große Entfernungen und ohne bemerkt zu werden zielgerichtet die bei jedem Menschen individuelle Maserung des Auges erfassen und immer raffinierte Mustererkennungssoftware glich diese Bilder innerhalb von Sekundenbruchteilen mit den gigantischen und ständig wachsenden Datenbergen in den Rechenzentren des Konzerns ab. Und die bereitgestellten Informationen gingen weit über die pure Aufdeckung der Identität des Überprüften hinweg. Es gab gigantische Mengen personenbezogener Daten, für Jeden einsehbar der bereit war die bescheidenen Nutzungsgebühren zu entrichten.

Das Information Network war eine noch recht neue Schöpfung, die erst seit wenigen Jahren in dieser Form existierte und der mit Abstand größte Feind jeden Datenschützers war. Beinahe jede Regierung der Welt hatte bereits gegen das Netzwerk geklagt, versucht es abschalten zu lassen und es geächtet, doch es war weiterhin Online und würde es fraglos auch bleiben. Jeder Mensch konnte als freier Mitarbeiter, und noch dazu Anonym, Einträge in das Netzwerk stellen, die nach einer oberflächlichen Überprüfung frei geschaltet wurden und jeder Abruf einer Information brachte dem Urheber einen kleinen Teil der Nutzungsgebühren als Tantiemen ein.

Umfangreiche Lebensläufe, erlittene Schicksalsschläge, Familienverhältnisse, Schul- und Arbeitszeugnisse, medizinische Daten und Gesundheitsprognosen, Klagen und polizeiliche Führungszeugnisse, Liebschaften und sexuelle Neigungen, Gerüchte und üble Nachreden. Eine gigantische Flut von privaten Daten, die immer öfter auch von zukünftigen Arbeitnehmern, Vermietern, potentiellem Lebenspartnern oder auch nur neugierigen Nachbarn abgerufen wurden.

Die Vision des gläsernen Menschen war längst Wirklichkeit geworden und hatte zu einer enormen Verbreitung von undurchsichtigen Sonnenbrillen und kosmetischen Augeneingriffen geführt. Nach mehreren gesetzlichen Regelungen konnten Einträge von Betroffenen als falsch deklariert werden, und sollte er entsprechende Beweise vorbringen können, konnte er sie sogar vollständig löschen lassen. Ein solcher Beweis und das folgende Prüfungsverfahren dauerte jedoch in der Regel sehr viel länger als die Freischaltung eines Beitrages, was dem digitalen Rufmord Tür und Tor geöffnet hatte. Und das IN war nur der, zwar nicht unbedingt legale, aber offiziell bekannte und akzeptierte Teil der in den Netzen der Welt gespeicherten Informationen. Tatsächlich war es sogar so, dass selbst Menschen die unter Paranoia und Verfolgungswahn litten oftmals keine Vorstellung hatten, wie viele Informationen tatsächlich über sie gespeichert waren.

Mit Hilfe dieser Netzwerke hatte Gordon jede Person, die sich in den letzten Wochen im Zielgebiet aufgehalten hatte genau unter die Lupe genommen und so eventuelle Verbindungen zur Zielperson, zu seinem Konzern oder zu jedwedem Sicherheits- oder Söldnerdienst ermittelt. Auf diese Weise hatte er nicht nur umfangreiche Daten über die Leibwächter des Ziel, ihre Ausbildung und ihre potentielle Ausrüstung gesammelt, sondern auch fast zwei Dutzend weiterer, potentiell gefährlicher und mit dem Schutz des Ziels beauftragte Personen ermittelt, die in naheliegenden Gebäuden wohnten oder die Gegend regelmäßig frequentierten.

Ashton interpretierte die wichtigsten Daten, um Alles eingehend zu studieren würde ihm ohnehin die Zeit fehlen und verglich seine eigene Vorstellung mit dem umfassenden Vorgehensmodell, das Gordon bereits erstellt hatte. Unwillkürlich musste er lächeln. Für Jemanden, der seit Jahren nicht mehr an vorderster Front gestanden oder auch nur eine Waffe in Händen gehalten hatte, dem man nach einem kurzen, persönlichen Treffen eher als geistig eingeschränkt bezeichnen würde, zeugte seine taktische Analyse wieder einmal von den Jahren als um ihn herum der Asphalt zu brennen pflegte.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm, der Arbeitgeber der Zielperson hatte weder Kosten noch Mühen gescheut. Weitreichende Überwachung, ausgebildete Spezialisten, modernste Ausrüstung und massive Feuerkraft. Hightech-Hausverteidigungssysteme, gepanzerte und schwer bewaffnete Wagen und zweifellos mobile Verstärkungskräfte in der Luft, die in kürzester Zeit einschreiten würden. Hinzu kam die im Vergleich eher vernachlässigbare Bedrohung der verstärkten Polizeipräsenz und der Tätigkeit zweier privater Sicherheitsdienste in der noblen und vor jeglichen unerwünschten Besuchern behüteten Wohngegend. Das Anwesen glich einer Festung, mit einer nach außen hin freundlichen und in die Gegend passenden Fassade, selbst mit dem angeheuerten Söldnerkommando konnten sie sich bei dem Versuch einzudringen leicht die Zähne ausbeißen und das Risiko eintreffender Verstärkung oder eines nicht in kurzer Zeit zu knackenden Panikraums waren zu groß.

Die Zielperson verließ das Haus nur einmal täglich zum Besuch eines wechselnden, luxuriösen Nobelrestaurants. Zusammen mit seiner neuen, mehr als zwanzig Jahren jüngeren Frau, seinen zwei Kindern aus erster Ehe und dem gesamten Aufgebot an Bodyguards und Sicherheitsspezialisten. Zusätzlich rückten meist einige der von Gordon als verdeckte Sicherheitsleute enttarnten Personen mit ihren Fahrzeugen in die Umgebung des Restaurants vor und sicherten so die Zugangswege potentiell unerwünschter Gäste. Es gefiel Ashton nicht die Familie der Zielperson vor Ort zu wissen, doch stellten diese Versuche ein alltägliches Familienleben zu führen, ihre einzige realistische Chance für einen Zugriff dar. Dieser Mann war für seinen Konzern immens wichtig, ein beschränkter Handlungsbevollmächtigter und Geheimnisträger, es glich einem Wunder, dass man ihm überhaupt gestattete einer Art Familienleben nachzugehen, selbst unter diesen behüteten Zuständen.

Ashton ertappte sich wie er einen kurzen Augenblick fast mitleidig über die Kinder der Zielperson nachsann. Der Handlungsbevollmächtigte hatte sich diese Art zu leben mehr oder minder ausgesucht. Die Möglichkeit und die damit verbundene Macht ergriffen, wohl wissend wie sich diese Entscheidung auf sein Leben auswirken würde. Seine neue Frau hatte es offensichtlich in Kauf genommen, ein Leben in Reichtum und Luxus an der Seite eines Mannes mit großem Einfluss mochte die sich daraus ergebenen Einschränkungen in ihren Augen wert gewesen sein. Den Kindern jedoch wurde ein Leben aufgezwungen, über dessen Wert und Inhalt man streiten konnte. Es gab keinen Zweifel daran, dass diese Kinder in ihrem Leben Alles erhalten würden, was immer sie sich nur wünschten. Aber ob es den Preis, den sie dafür zu zahlen hatten, tatsächlich wert war?

Er verdrängte die ablenkenden Gedanken aus seinem Kopf und konzentrierte sich erneut auf die mit zahllosen Markierungen und Zeichen versehene Straßenkarte, auf die aufgezeichneten Videos der letzten, abendlichen Restaurantbesuche des Ziels, auf die dabei praktizierten Aufstellungen der Wagenkolonnen und Verteilung der Sicherheitskräfte. Kurz darauf stand sein Plan fest, insofern man Etwas als Plan bezeichnen konnte, das größtenteils aus Improvisation bestehen würde.

Er vergrößerte das aktuellste Foto der Zielperson, lehnte sich in seinen formfest gepolsterten Sitz zurück und schob sich eine weitere Zigarette zwischen die Lippen. Mit einem leichten Zug entzündete sie sich, er sog langsam und genüsslich den Rauch in seine Lunge und ließ ihn langsam und nachdenklich aus seinem Mund heraus gleiten, ohne dabei das überdimensionale, braungebrannte Gesicht mit der gescheitelten Frisur aus den Augen zu lassen, dass die Windschutzscheibe des Wagens dominierte. 'Wir unternehmen heute Abend eine kleine Reise, Mr. Monroe.'


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5.12.08 05:55


Unsinniges Fragment Nr. 1 (1. Entwurf)

Die Sonne blendete ihn und ließ die Welt um ihn herum in grellen Schlieren seiner angenommen Wirklichkeit zerfließen. Als würde der Vorhang der Wahrnehmung aufreißen und das heraussickernde, gleißende Blut des Unverständlichen die sichtbare Realität ertränken. Kraftlos sank er auf die schmerzenden Knie, schloss die Augen und hieß die farbigen Lichter willkommen, die ihren hektischen Tanz hinter seinen geschlossenen Lidern vollführten. Selbst jetzt schien sich die unbarmherzige, alles verzehrende Helligkeit noch in seine Augäpfel zu brennen und ein schmerzhaftes Stechen gesellte sich zu der schwindelerregenden Karussellfahrt seiner Gedanken.

Die Hitze wurde zunehmend unerträglicher, schien seine geschundene Haut entgültig zu verkohlen und die heiße Luft, die er mit seinen hechelnden Atemzügen in seine Lunge zog schien aus den lodernden Feuern der Hölle selbst zu bestehen. Unfähig seine zitternden Beine zum Aufstehen zu bewegen sank er auf alle Viere hinab und verbrannte sich die bereits verkrusteten Handflächen auf dem glühendheißen, steinigen Boden. Er versuchte unter Aufbietung aller verbliebenen Kräfte weiter vorwärts zu kriechen, doch bereits nach wenigen Metern konnten seine Arme sein eigenen Gewicht nicht mehr tragen und sein Gesicht krachte auf den kantigen Steinboden. Die Hitze umgab ihn wie ein Meer flüssigen Feuers, drang in jede Nische seines Körpers und schien ihn äußerlich wie innerlich zu kochen. Er mochte den Sommer nicht.


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1.7.08 06:12





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